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In Chile erhitzt sich die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche

Abtreibungskampf vor dem Altar

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Demonstranten halten ihre Plakate hoch und skandieren ihre Parolen.
Santiago de Chile - Die ungebetenen Gäste kamen während des Gottesdienstes. Mit Spruchbändern, Plakaten und Fußball-Fanfaren marschierten die Gegner des geltenden Abtreibungsverbots in die Kathedrale von Santiago de Chile, lärmten und stimmten Sprechchöre an. Wenig später eskalierte die Situation, als die Demonstranten Mobiliar beschädigten und Gottesdienstbesucher attackierten.

Zwanzig lange Minuten dauerte die Störaktion. Erzbischof Ricardo Ezzati reagierte empört: "Das war eine schwere Beleidigung Gottes", sagte der Leiter der Hauptstadtdiözese. Die Kathedrale sei "offenbar ein politischer Raum geworden".

Dazu wurde sie durch einen Fall, der die chilenische Öffentlichkeit seit Wochen bewegt: Ein elfjähriges Mädchen ist vom Partner der Mutter vergewaltigt worden; es ist inzwischen im vierten Monat schwanger. In einem TV-Interview sagte das Mädchen, sie wolle das Kind behalten und werde es lieben.

In Chile ist Abtreibung grundsätzlich verboten. Ein Gesetz, das Schwangerschaftsabbrüche nach einer Vergewaltigung oder aus medizinischen Gründen für legal erklärte, wurde unter Augusto Pinochet 1989 aufgehoben.

Abgetrieben wird trotzdem - nach Schätzungen entschließen sich jedes Jahr 150.000 Frauen zu diesem Schritt. Der Zorn derer, die eine Legalisierung wünschen, richtet sich auch gegen die katholische Kirche. Aus Sicht der Kirche hat ein ungeborenes Kind die gleiche Lebenswürde wie ein Erwachsener. So opponierten Chiles Bischöfe 2009 gegen die "Pille danach" als Notmittel nach Vergewaltigungen. Begründung: das Präparat könne abtreibend wirken.

Gottesdienstbesucher beendeten Besetzung

Bereits am Donnerstag hatten sich während der Feierlichkeiten zu Ehren des heiligen Jakobus, des Schutzpatrons der chilenischen Hauptstadt, etwa 5.000 Menschen zu einer Demonstration für eine Legalisierung von Abtreibungen versammelt. Aus diesem Block setzte sich später eine Gruppe mit dem Ziel ab, die Kathedrale zu stürmen. Chilenischen Medien zufolge gelang es Gottesdienstbesuchern, die Besetzung wieder zu beenden.

Demonstration skandieren im Altarraum ihre Parolen.
Mit Spruchbändern, Plakaten und Fußball-Fanfaren marschierten die Gegner des geltenden Abtreibungsverbots in die Kathedrale von Santiago de Chile, lärmten und stimmten Sprechchöre an.

Chiles Staatspräsident Sebastian Pinera verurteilte den Übergriff. Er versprach Erzbischof Ezzati, sich auch weiterhin für Religionsfreiheit, Kultfreiheit und den Schutz des Lebens einzusetzen. Auch die sozialistische Bürgermeisterin von Santiago, Carolina Toha, kritisierte die Aktion. Sie selbst sei zwar "keine gläubige Christin", aber dass Personen in die Kirche eindrängen und Beleidigungen riefen, sei "nicht akzeptabel".

Der Erzbischof sieht unterdessen nicht nur die Freiheitsrechte, sondern die Gläubigen selbst bedroht. Vor ein paar Monaten, so erinnerte er, hätten Unbekannte einen Sprengsatz am Kirchenportal platziert. "Ich hoffe, dass wir in Zukunft den präventiven Schutz genießen dürfen, auf den wir ein Recht haben", sagte Ezzati.

"Ideen mit Ideen bekämpfen"

An die Demonstranten wandte sich Ezzati mit einer Mischung aus Dialogangebot und Schelte: Gewalt sei das Mittel derer, die ihre Vernunft nicht benutzen wollten. "Ideen müssen mit Ideen bekämpft werden, nicht mit Beleidigungen und Angriffen".

Natalia Flores, Mitorganisatorin des Marsches für die Abtreibung, wirft der Kirche ihrerseits die Anwendung "systematischer Gewalt" vor. In einem Radiointerview klagte Flores die Kirche an. Diese arbeite seit Jahren daran, ihre katholischen Ansichten über das ganze Land zu stülpen. Es gebe "klare Hinweise", dass Kirchen-Lobbyisten "nicht nur im Parlament, sondern auch in der Regierung" aktiv seien.

Zudem verbreite die Kirche psychologischen Druck: Seit vor vier Jahren in Chile die Diskussion über die "Pille danach" begann, sei den Frauen eingeredet worden, sie würden damit in der Hölle landen. "Deswegen spreche ich von systematischer Gewalt", so Flores.

Mit solchen Leuten gebe es keine Basis für einen Dialog. Wenn "eine Gruppe von Demonstranten, die sich durch eine Institution diskriminiert, angegriffen und unterdrückt fühlt", so demonstrierten, wie das in der Kathedrale von Santiago passiert sei - dann, so Flores, "kann ich das verstehen".

Von Tobias Käufer (KNA)

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