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Kirchen und Staatsspitze verurteilen antisemitische Ausbrüche

An die Seite der Juden treten

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Porträt von Heinrich Mussinghoff
Bonn - Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff hat antisemitische Parolen bei Demonstrationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern deutlich kritisiert. "Diese Aktionen sind aufs Schärfste zu verurteilen", sagte der Vorsitzende der Bischöflichen Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz.

In den vergangenen Tagen waren bei pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin, Frankfurt und anderen Städten unter anderem Parolen wie "Jude, Jude, feiges Schwein - komm heraus und kämpf' allein" gerufen worden. Jeder habe das Recht, seine politische Meinung öffentlich zu machen sowie die Politik Israels zu kritisieren, sagte Mussinghoff, der sich gerade selbst im Heiligen Land aufhält, dazu. "Aber niemand hat das Recht, gegen Juden oder gegen irgendeine andere Gruppe von Menschen mobil zu machen und die eigenen menschenverachtenden Ressentiments im Schutz der Masse auszuleben."

Es gehöre zum Grundkonsens Deutschlands und Europas, dass "Antisemitismus für immer geächtet bleiben muss". Dies sei ein "unaufgegbbarer Baustein" der Gesellschaft, die sich nach dem Nationalsozialismus wieder aufgebaut habe. Dieser Grundsatz gelte für jeden, erklärte Mussinghoff weiter. Zudem sei jegliche Form von Antisemitismus mit dem christlichen Glauben unvereinbar:

Evangelische Kirche schickt Solidaritätsbekundung an Zentralrat

Ein Demonstrant in Berlin hält angesichts der Angriffe auf den Gazastreifen ein Schild mit der Aufschrift "Israel is real Terrorist" (Israel ist der wahre Terrorist) hoch.

"Wenn unsere 'älteren Brüder' in unerträglicher Weise beleidigt und attackiert werden, müssen wir Christen deshalb stets an ihre Seite treten." Angesichts gewalttätiger Übergriffe gegenüber pro-israelischen Demonstranten forderte Mussinghoff außerdem einen stärken Einsatz von Polizei und Justiz. Sie seinen aufgefordert, "mit aller Entschiedenheit gegen solche Verbrechen aus Hass vorzugehen", so der Bischof.

Auch in der evangelischen Kirche haben die jüngsten Vorfälle Kritik hervorgerufen: So zeigte sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, beschämt, "dass Menschen jüdischen Glaubens in unserem Land auf offener Straße angegriffen werden und um ihre Gesundheit und auch um ihr Leben fürchten müssen." Dies schrieb Schneider in einer am Mittwoch veröffentlichten Solidaritätsbekundung an den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Es sei entlarvend, wenn Proteste gegen das aktuelle Vorgehen der Armee Israels im Gazastreifen mit menschenverachtender Judenfeindschaft verbunden werden, erklärte der Ratsvorsitzende weiter.

Die EKD verurteile jede Form von Antisemitismus und Rassismus mit Nachdruck. Angesichts der unfassbaren Verbrechen im Dritten Reich liege es "jenseits aller Toleranz", wenn Juden beschimpft und angegriffen würden und ihnen in Hass-Predigten der Tod gewünscht werde, sagte Schneider.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman A. Mazyek, hat antisemitische Parolen bei Demonstrationen gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen ebenfalls verurteilt. "Wer Judenhass predigt oder meint, im Zuge des Gaza-Krieges Antisemitismus verbreiten zu müssen, hat in unserer Gemeinde nichts zu suchen", sagte Mazyek am Mittwoch in Köln der Nachrichtenagentur dpa. Mazyek forderte Demonstranten und Öffentlichkeit dazu auf, die "Trennschärfe" zwischen "erlaubter Kritik an Israels militärischem Eingreifen in Gaza und antisemitischen Äußerungen einzuhalten".

Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Besuch des Europarats in Straßburg am 22. April 2013.
Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Besuch des Europarats in Straßburg am 22. April 2013.

Merkel und Gauck verurteilen jüngse Ereignisse

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die jüngsten Ereignisse verurteilt. Die Äußerungen seien ein "Angriff auf Freiheit und Toleranz", zitierte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter am Mittwoch die Kanzlerin. "Dies können und wollen wir nicht hinnehmen."

Bundespräsident Joachim Gauck sicherte dem Zentralrat der Juden unterdessen Solidarität zu. Dies teilte der Rat nach einem Telefonat zwischen dem Staatsoberhaupt und Zentralrats-Präsident Dieter Graumann am Mittwoch mit. Gauck habe der jüdischen Gemeinschaft "mit sehr klaren Worten versichert, dass er in diesen Zeiten sehr nahe bei ihr ist und ihre Sorgen sehr ernst nimmt", sagte Graumann. "Für dieses Engagement haben wir von Herzen zu danken."

Der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz sieht angesichts der jüngsten Demonstrationen gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen hingegen keinen wachsenden Antisemitismus in Deutschland. "Ich sehe überhaupt keine neue Qualität", sagte der frühere Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Mittwoch).

Die israelische Regierung habe Interesse daran, "dass jede Kritik an ihren Handlungen als Antisemitismus verstanden wird", sagte er. "Aber nicht jeder, der den Gaza-Krieg missbilligt und Mitleid mit getöteten oder verletzten palästinensischen Zivilisten hat, ist deshalb ein Antisemit." Natürlich gebe es in Deutschland Antisemitismus. "Das ist beklagenswert. Aber es ist ein konstanter Bodensatz in der Gesellschaft und keineswegs eine Lawine, die größer und größer wird." (mit Material von KNA und dpa)

Von Sophia Michalzik

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