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Der Berliner Rabbiner Daniel Alter zum Antisemitismus in Deutschland

"Angst lasse ich nicht aufkommen"

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Berlin/Bonn - Erst vor ein paar Tagen war eine junge Frau bei Rabbiner Daniel Alter. Sie war bedrängt und beleidigt worden, als sie mit dem Bus in Berlin unterwegs war. Der Grund für die Beschimpfungen war eine Kette mit einem Anhänger, der ihren Glauben zeigte: die junge Frau ist Jüdin. Für einige ist das Grund genug, sie anzugehen.

Rabbiner Alter ist Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Es ist schwer, ihn in diesen Zeiten ans Telefon zu bekommen, da er viel unterwegs ist. "Die momentane Situation macht mir Sorge", sagt der 55-Jährige. Was er meint, sind die vielen Demonstrationen, die derzeit in Deutschland und anderen Ländern stattfinden. Demonstrationen, auf den Sachen zu hören sind wie "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein".

In Berlin, Essen, Frankfurt und anderen Städten gingen Hunderte auf die Straße, um gegen die israelische Offensive in Gaza zu demonstrieren. Doch in vielen Fällen blieb es nicht bei einem Protestmarsch. Plakate mit antisemitischen Parolen wurden in die Luft gereckt, in Berlin laut Medienberichten ein jüdisches Ehepaar bedrängt, weil der Mann eine Kippa trug. Einige Demonstranten durchbrachen die Kette, die Polizisten gebildet hatten, um das Paar zu schützen. "Wir sind geschockt", sagte die Frau hinterher zu der Zeitung "Jüdische Allgemeine". Die beiden kommen aus Israel und waren nach Berlin gereist, um dem Konflikt in ihrem Land für einige Tage zu entfliehen. Doch der ist längst in Europa angekommen.

Daniel Alter ist Rabbiner in Berlin.
Daniel Alter ist Rabbiner in Berlin.

Viele Menschen haben stereotype Vorurteile

Rabbiner Alter kennt solche Fälle – auch er selbst war schon betroffen. Im August 2012 wurde er in Berlin-Schöneberg von vier jungen Männern beleidigt, bedrängt und geschlagen – weil er eine Kippa trug und so als Jude zu erkennen war. Seine Tochter stand während des Übergriffs daneben und wurde selbst mit dem Tod bedroht. Bis heute ist keiner der vermutlich arabischstämmigen Täter gefasst.

"Es gibt einen latenten Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft", sagt Daniel Alter. Laut einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung 2012 veröffentlichten Studie vorgestellt, würden beispielsweise knapp 20 Prozent der Aussage zustimmen, dass der Einfluss von Juden auf Politik und Medien zu groß ist. Die Hauptform des Antisemitismus ist mit 24 Prozent der sogenannte sekundäre Antisemitismus. Dazu gehört auch eine Verharmlosung des Holocausts. Bei mindestens weiteren fünf Prozent trete Antisemitismus offener zutage und entlade sich aggressiv wie bei den jüngst stattgefundenen Demonstrationen, so Alter.

Der Historikers Wolfgang Benz sieht in den stattgefundenen Demonstrationen keine neue Qualität beim Antisemitismus. Benz hat bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin geleitet. Er hat dem "Kölner Stadtanzeiger" gesagt, dass "seltsame Leute blödsinnige Parolen" gerufen hätten. "Das wird von Interessenten mit großem Medienhall als Wiederaufflammen des Antisemitismus dargestellt, als sei es so schlimm wie nie zu vor", so Benz weiter.

Das Wort "Jude" ist auf Berlins Schulhöfen ein Schimpfwort

Dem widerspricht Daniel Alter: "Das ist verharmlosend", sagt er. So blende Benz beispielsweise aus, dass der islamische Antisemitismus aggressiver und grenzenloser werde. Auf vielen Schulhöfen Berlins sei das Wort "Jude" mittlerweile zum Schimpfwort geworden. "Das fühlt sich bedrückend an", sagt der Rabbiner. "Natürlich muss ich das sagen können, wenn ich mit der Politik Israels nicht einverstanden bin", sagt Alter. "Das ist nicht antisemitisch." Wer aber anfange, radikale Organisationen wie die palästinensische Hamas oder die iranische Hisbollah zu verharmlosen, der begebe sich auf das "Parkett des Antisemitismus".

Hinzu komme die verbale Aggression in sozialen Netzwerken. Der Zentralrat der Juden hat wegen besonders heftiger Kommentare auf seiner Facebook-Seite mittlerweile die Polizei eingeschaltet. Er habe schon das Gefühl, dass die Beiträge bei jeder Gewalteskalation im Nahen Osten heftiger würden, so Alter. Auch in seinem eigenen E-Mail-Postfach würde er entsprechende Mails finden. Der Palästinenser Ahmad Mansour, der in Berlin gegen die Radikalisierung von Muslimen kämpft, äußert in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung seine Sorge, dass es bei künftigen Demonstrationen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen könnte. "Der Hass ist völlig außer Kontrolle geraten", sagt er.

Vereine und Verbände sollten sich stärker engagieren

Daniel Alter hofft, dass bei zukünftigen Demonstrationen antisemitische Parolen unterbunden und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Aber Politik und Behörden allein könnten den Konflikt nicht entschärfen. "Hier ist jeder Einzelne gefragt", sagt der Rabbiner. Auch Vereine und Verbände sollten sich stärker engagieren. Zum Glück sei die Situation in Deutschland noch nicht so eskaliert wie in Frankreich, sagt Alter. Dort war es vor Synagogen zu Ausschreitungen gekommen, weshalb eine Gruppe betender Juden ihr Gotteshaus nicht mehr verlassen konnte. Es ginge nicht nur darum, jüdische Interessen zu schützen, betont Alter. "Es geht um demokratische Grundrechte."

Für heute sind weitere Demonstrationen angekündigt; in Berlin erwartet die Polizei zum sogenannten "Al-Kuds-Tag", dem letzten Freitag im islamischen Fastenmonat Ramadan, mindestens tausend Teilnehmer. Al-Kuds ist der arabische Name für Jerusalem. Der Tag wurde von dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini vor 35 Jahren ins Leben gerufen. Regelmäßig wird auf den Kundgebungen zur Vernichtung Israels aufgerufen. Bei der Demonstration in Berlin erwarte er eine aufgeheizte Atmosphäre, sagt Daniel Alter. "Angst lasse ich aber nicht aufkommen", ergänzt er. "Ich will nicht, dass sie mein Leben bestimmt." Er wird auf einer Gegenveranstaltung in Berlin eine Rede halten.

Der jungen Frau in seinem Büro habe er zunächst eine Möglichkeit gegeben, über das Erlebte im Bus zu sprechen, erzählt Daniel Alter. Besonders bei jungen Menschen sei es wichtig, dass sie von solchen Geschehnissen kein Trauma davon trügen oder die Schuld bei sich suchten, erklärt Alter. "Du hast nichts verkehrt gemacht", habe er ihr mit auf den Weg gegeben. "Du bist okay."

Von Sophia Michalzik

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