Angst vor dem Vergessen
In Deutschland wurde das Thema vor knapp 15 Jahren zum ersten Mal filmisch aufgegriffen. Der Fernsehfilm konzentriert sich dabei meist auf eine extrem realistische Darstellung des Alltags mit den Kranken und die Mühen der Angehörigen bei der Betreuung. So spielte Götz George 2003 in "Mein Vater" einen dementen Vater, dessen Rund-um-die-Uhr-Betreuung Sohn und Schwiegertochter nicht mehr leisten und dessen vermehrte Anfeindungen sie nicht mehr ertragen können. Wie alle an der Krankheit scheitern, zeigte das Drama gefühlvoll und gleichzeitig brutal.
Verzweifelter Kampf
Die größte Aufmerksamkeit unter den zahlreichen filmischen Annäherungen an dieses schwierige Thema dürfte wohl Maximilian Schell mit "Meine Schwester Maria" geerntet haben, der 2002 auch die Altersdemenz der bekannten Schauspielerin ungeschönt zeigte. Bei der Premiere 2002 zeigte sich Maria Schell, die seit langem zurückgezogen in den Alpen lebte, das letzte Mal offiziell in der Öffentlichkeit.
Um eine Alzheimer-Erkrankung drehte sich auch der unter die Haut gehende Fernsehfilm "Die Auslöschung" des Regisseurs Nikolaus Leitner, den die ARD am 8. Mai ausstrahlte. Erzählt wurde die Geschichte zweier Menschen jenseits der 50, die sich verlieben. Der Restauratorin (gespielt von Martina Gedeck) und dem Kunsthistoriker (Klaus Maria Brandauer) sind nur wenige unbeschwerte Jahre beschieden. Dann überschatten erste Anzeichen seiner Demenz die Beziehung. Verzweifelt kämpft er gegen den Verlust des Selbst und der Erinnerung.
Voller Zauber
Andere Filme nähern sich der Krankheit unter dem Blickwinkel der liebevollen Begleitung des Veränderungsprozesses der Persönlichkeit und des Auslöschens des Wissens um Alltägliches. Regisseur David Sieveking zog 2010 zurück in sein Elternhaus und filmte dort seine von Demenz betroffene Mutter Gretel. Die Erkrankung seiner Mutter habe zwischen seinen Eltern noch einmal eine neue Art der Liebe aufkeimen lassen, hat der in Berlin lebende Regisseur beobachtet, und auch er selbst sei seiner Mutter nie zuvor so nahe gekommen. Sein einfühlsames Porträt "Vergiss mein nicht" kam 2013 ins Kino, gewann den Hessischen Filmpreis und war für den Deutschen Filmpreis nominiert. Sieveking zaubert viele Momente in seinen Film, in denen die Zuschauer mit ihm und seiner Mutter gemeinsam über die Situation schmunzeln können.
Doch leichte und humorvolle Annäherungen an das Thema sind rar. Einen Versuch wagte "Vater Morgana" (2010) mit Christian Ulmen und Michael Gwisdek. Darin sorgte Papa einmal mehr für heilloses Chaos und brachte seinen Sohn damit in echte Schwierigkeiten. Die Demenz des Älteren erschwerte eine schnelle und unkomplizierte Lösung des Schlamassels. "Wenn solch ein Thema ins Komische übertragen wird, kann es die Angst abbauen helfen. Lachen erleichtert!", zitiert "Moviepilot" Christian Ulmen dazu.
Teil des Lebens
Im Kern erzählen alle Filme Liebesgeschichten. Die betroffenen Angehörigen nehmen die Krankheit mit all ihren Höhen und Tiefen als Teil des Lebens an, lernen mit den Veränderungen im Wesen der geliebten Menschen umzugehen und ihnen die Würde zu lassen. "Wir können es uns als Gesellschaft und als öffentlich-rechtliches Fernsehen nicht leisten, diese Lebensphase auszublenden", erklärt Volker Herres, Programmdirektor der ARD. Der Sender reservierte herausragende Plätze für exzellente Filme mit dieser Thematik.
Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten ein großes Publikum ansprechen, aber es ist nicht egal, womit wir es unterhalten.
Volker Herres, Programmdirektor der ARD
Im vergangenen November gestaltete das Erste sogar eine Themenwoche zu Sterben und Tod. "Wir waren von der Annahme positiv überrascht," sagt Herres. "Wir hätten mit geringer Resonanz leben können, da viele Menschen doch Berührungsängste haben. Das Gegenteil trat ein. Die Quoten und die Marktanteile waren besser als gedacht und viele Zuschriften haben uns ermutigt, solche wichtigen Themen auch künftig nicht auszublenden."
Herres will Erfolg beim Publikum, aber nicht um jeden Preis. "Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten ein großes Publikum ansprechen, aber es ist nicht egal, womit wir es unterhalten." Die ARD werde deshalb solche Stoffe weiter unterstützen. Wobei auch er einräumt, dass die Österreicher sehr viel radikaler im Erzählen sind als die Deutschen. Dabei denkt er an Michael Hanekes Oscar-Gewinner "Liebe", bei dem die ARD als Koproduzent mit an Bord war.
Abhängigkeiten entstehen
Als einer der ersten Filme weltweit überhaupt hatte Bruce Beresfords "Miss Daisy __amp__ ihr Chauffeur" das Thema 1989 aufgegriffen. Die Südstaaten-Tragikkomödie um das Abhängigkeitsverhältnis einer Weißen zu ihrem farbigen Chauffeur endet mit einer liebevollen Szene, in der er die Erkrankte füttert. In "Small World" (2010) des Franzosen Bruno Chiche spielt Alexandra Maria Lara neben Schauspiel-Urgestein Gerard Depardieu. Durch den geistigen Verfall des Erkrankten kommen verdrängte Kindheitserinnerungen wieder hoch und bedrohen das Idyll der Millionärsfamilie.
Ungeschminkt zeigte auch "An ihrer Seite" von Sarah Polley die wunderbare Julie Christie als Alzheimerpatientin. Last but not least gab Hollywoods neuer Superstar Ryan Gosling 2004 sein Debüt in dem Liebesdrama "Wie ein einziger Tag", dem eine Alzheimer-Erkrankung den Rahmen gibt.
In anderen Fällen sind es persönliche Schicksale, die Filmemacher zur Auseinandersetzung mit Demenz und Alzheimer inspirieren. Unvergessen bleibt "Iris" des britischen Regisseurs Richard Eyre aus dem Jahr 2001. Das Drama schildert den langsamen Erkrankungsprozess Schriftstellerin Iris Murdoch. Judy Dench spielte sie in fortgeschrittenem Alter, Kate Winslet zu Beginn ihrer Karriere und Ehe. Und natürlich muss "Die Eiserne Lady" erwähnt werden: Das Biopic über Margaret Thatcher brachte Hauptdarstellerin Meryl Streep einen weiteren Oscar. Gezeichnet vom Alter und ihrer Demenz-Erkrankung, wird die erste Regierungschefin einer westlichen Demokratie kaum mehr von ihren Untertanen erkannt.
Von Katharina Dockhorn (KNA)
Eine Übersicht über die Spielfilme und Dokumentationen zum Thema sowie von Begleitmaterialien hat die Informations- und Koordinierungsstelle der Landesinitiative Demenz- Service erstellt. Alle dort erwähnten Werke sind über verschiedene Quellen als DVD erhältlich. Zur Übersicht