Auf Leben und Quote
Und wieder ein TV-Unfall: Der Schauspieler Stephen Dürr (38) musste in der vorvergangenen Woche nach den Proben zu der Raab-Sendung ins Krankenhaus, lag zeitweise sogar auf der Intensivstation. Verdacht auf Rückenmarksverletzung. Bei der ProSieben-Show "TV total Turmspringen", für die der Soap-Darsteller trainierte, vollführen Prominente, oder solche, die es einmal waren, gemeinsam mit dem Moderator Stefan Raab waghalsige Sprünge aus unterschiedlicher Höhe und sollen möglichst ohne Blessuren ins Wasser eintauchen sollen.
Forciertes Risiko
Ganz so waghalsig war der Sprung von Dürr zwar nicht – er sprang vom Dreimeterbrett –, doch zeigt auch dieser Unfall, bei dem Dürr statt mit den Armen unglücklich mit dem Kopf auf die Wasseroberfläche prallte, dass das, was möchlichst viele (jüngere) Zuschauer vor den Bildschirm locken soll, für die Kandidaten mitunter ein hohes Risiko darstellen kann. Ein Risiko, das vom Sender durchaus forciert oder zumindest in Kauf genommen wird, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. In dieser Woche soll sich laut Medienberichten auch die ehemalige "Germany Next Topmodel"-Kandidatin Amelie Klever bei den Proben für die Show verletzt haben.
Fernsehen ist ein knallhartes Geschäft. Besonders bei den Privatsendern geht es ums große Geld oder schlicht darum – ganz ohne Subventionierung durch Gebührengelder –, gegen die Konkurrenz bestehen zu können. Wie hoch war der Marktanteil? Wieviele Zuschauer schalteten am Samstagabend ein? Wie hoch können die Preise für Werbespots bei der nächsten Sendung angesetzt werden? Die Rechtfertigung der Sender, solche Formate weiterzuführen, ist simpel. Sie geben den Zuschauern, das, was sie sehen wollen: Kandidaten, die sich freiwillig zum Affen machen, die versuchen, über ihre Grenzen hinauszugehen und dabei oft alles andere als eine gute Figur abgeben.
Die Verantwortung tragen die Kandidaten
Anders als Samuel Koch (25), der seit seiner Wette bei dem ZDF-Unterhaltungsdampfer "Wetten, dass..?" im Dezember 2010 querschnittgelähmt ist, werden Stephen Dürr und auch Amelie Klever vermutlich keine bleibenden Schäden davontragen. Dennoch zeigen auch diese Unfälle: Zu Unterhaltungsszwecken setzen TV-Sender ihre Kandidaten bewusst zunehmend großen Gefahren aus. Die Verantwortung jedoch tragen die Mitwirkenden selbst. Schließlich wüssten sie, worauf sie sich einließen, so das gängige Argument der TV-Sender.
Bei anderen von Raab inszenierten Formaten, in denen sich auch schon einmal die Rennwagen der Kandidaten überschlagen oder Feuer fangen, sind die Gefahren offensichtlich. Ein satter Bauchplatscher tut weh, klar – doch was beim Turmspringen wirklich passieren kann, erschließt sich aus dem Spektakel höchst selten. Immerhin: Falls etwas passiert, sind die Kandidaten durch die jeweilige Produktionsfirma versichert. Ein schwacher Trost für Kandidaten wie Samuel Koch.
Inszenierung des eigenen Schicksals
"Bitte, lieber Gott, lass mich nicht gelähmt bleiben!", lautete die Schlagzeile einen Tag nach Dürrs Unfall in einer großen Boulevardzeitung. Daneben ein Foto des Verletzten mit Halskrause. Die Inszenierung des eigenen Schicksals macht auch vor dem Krankenbett nicht halt. Dürr bekommt auch hier weiter Aufmerksamkeit. Der Schauspieler ist – sei es freiwillig oder zu diesem Zeitpunkt unfreiwillig – Teil einer Marketingmaschinerie, bei der es scheinbar mehrere Gewinner gibt.
Nur die Frage der Verantwortung, die Frage danach, ob die Kandidaten vielleicht vor sich selbst geschützt werden müssen, um ihrer selbst und ihrer Gesundheit willen, hat hier keinen Platz. Deshalb hat sich der Sender auch dazu entschieden, die Samstagabendshow dennoch live auszustrahlen. The show must go on!, lautete der Tenor der knappen Pressemitteilung von ProSieben. Ein kleiner Unfall tut der Quote gut.
Von Angelika Luderschmidt