Aus den Medien, aus dem Sinn
Von "blinden Flecken" spricht die "Initiative Nachrichtenaufklärung" (INA). Im Journalismus gebe es ein ausgeprägtes Rudelverhalten und bestimmte Themenkonjunkturen. Am Freitag hat sie deshalb zum 16. Mal die ihrer Ansicht nach zehn wichtigsten Nachrichten gekürt, die in deutschen Medien im vergangenen Jahr kaum Beachtung fanden.
Zehn aus 200
Mehr als 200 Vorschläge wurden von Journalisten, Wissenschaftler und vor allem von politisch interessierte Bürger eingereicht, berichtet Jury-Mitglied Miriam Bunjes. Journalistik- und Politikstudierende der TU Dortmund, der Universitäten Bonn und Siegen sowie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und der MHMK Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln haben die Vorschläge überprüft und eine Vorauswahl von 28 Themen getroffen. Eine Jury aus Journalisten und Wissenschaftlern, darunter INA-Geschäftsführer Horst Pöttker, kürte die Top Ten.
An der Spitze steht in diesem Jahr das Thema Korrumpierbarkeit von Richtern. 100 Millionen Euro Geldauflagen nehme die deutsche Justiz jährlich in Prozessen ein. Wer wie viel davon bekomme, entschieden letztendlich die Richter. Über diese Geldflüsse berichte die Presse zu wenig, urteilte die Jury. An zweiter Stelle stehen Sammelabschiebungen von Flüchtlingen. Diese sind laut Initiative für deutsche Fluglinien lukrative öffentliche Aufträge. Journalisten müssten besser nachvollziehen, wer die Fluggesellschaften für die Abschiebungen bezahle. Den dritten Platz belegt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Dessen Beschaffungspolitik von Nahrungsmitteln sei intransparent, weil es die Verwendung seiner Geldmittel nicht offenlege.
"Wir wollen die Journalisten nicht bekehren, sondern ihnen nützliche Hinweise für Exklusivthemen geben", betonte Horst Pöttker. Erstmals wage die INA in diesem Jahr ein Experiment: Zehn Journalisten sollen die zehn Un-Themen recherchieren und in Medien ihrer Wahl unterbringen. Finanzieren soll sich die Recherche durch Crowdfunding - also das Einwerben von Spenden auf Internetseiten wie "krautreporter.de" und in Zusammenarbeit mit dem Online-Magazin "Pressefreiheit in Deutschland".
Besserung in Sicht
Es gebe geradezu "chronisch" vernachlässigte Themen, die immer wieder in der Rangliste auftauchen, weiß Jury-Mitglied Bunjes. Etwa Berichte über Zustände in der Psychiatrie, die für Außenstehende kaum zugänglich seien. Auch Großinstitutionen wie die EU oder der Internationale Währungsfonds (IWF) mit ihren Bürokratien seien schwer durchschaubar. Zwar werde über Entscheidungen und Probleme wie die Eurokrise umfangreich berichtet. "Aber wer sich hinter dieser Einrichtung verbirgt und welche Politik sie bevorzugt, das fällt schnell unter den Tisch", analysiert Bunjes.
Allerdings kann die Jury auch auf Erfolgserlebnisse verweisen: So seien Themen wie die Nutzung von Wahlautomaten oder die fachärztliche Versorgung von Altenheimen von vielen Medien aufgegriffen worden, nachdem sie in die Topthemen der vernachlässigten Themen aufgenommen wurden, berichtet Bunjes. Ob das ein Verdienst der Initiative war, darauf will sich die Journalistin allerdings nicht festlegen. Vielleicht habe sich auch einfach die Perspektive der Medien oder die Nachrichtenkonjunktur verändert.
Von Christoph Arens und Claudia Zeisel (KNA)
1: In Spendierroben: Wie Richter ohne Kontrolle Geld aus Prozessen verteilen 2: Das Geschäft mit der Abschiebepraxis3: UN-Welternährungsprogramm ist intransparent 4: Fehlende Kontrolle von Au-Pair-Agenturen in Deutschland 5: Die gehörlose Generation 6: E-Discovery: deutsche Unternehmensdaten für die USA 7: Bonuszahlungen für Ärzte – auch bei nicht zugelassener Medikation 8: Voluntourismus: Geschäfte mit der guten Tat im Ausland 9: Waffenexporte werden unzureichend kontrolliert 10: Polizeiliche Demonstrationsverbote für rechtswidrig erklärt