Aus "mein" wird "unser"
Egal ob jemand mehr oder weniger verdient. Die zehn jungen Menschen haben zwei Ansichten zusammengeführt: Ein tiefes Unrechtsempfinden gegenüber Arbeitsmarktgesetzen und den Wunsch, sich dieser Willkür nicht mehr allein stellen zu müssen - sondern geschützt in einer Gemeinschaft.
Im Hausflur des Mehrfamilienhauses in Köln-Kalk steht Pädagogin Ariane und bläst in ihre Trompete. Das heißt für die zehn Bewohner: Essen ist fertig. Kurz darauf schwirren junge Menschen in den Zwanzigern und Dreißigern aus den drei Etagen in die Küche hinab und versammeln sich um den Tisch. Mindestens einmal am Tag soll es eine gemeinsame warme Mahlzeit geben. Dafür sorgen Koch- und Dienstpläne. Die geben aber keinen festen Rhythmus vor. Jeder soll selbst bestimmen dürfen, wann und wie oft er kochen oder putzen kann. Jeder darf frei entscheiden, muss aber auch auf die anderen achten.
Ein schmaler Grat: "Deshalb besprechen wir uns immer wieder und schauen, was gerade nicht passt", erzählt der Bewohner und VWL-Doktorand Till. Bei den wöchentlichen Sitzungen des Kollektivs kommen Probleme auf den Tisch und Verbesserungsvorschläge werden gehört. Dahinter steht ein lang durchdachtes Konzept: "Alle Entscheidungen, die das Kollektiv betreffen, werden von uns im Konsens getroffen", steht in der Erklärung der Gemeinschaft.
"Alles wandert in einen Topf"
Im Konsens wird auch entschieden, wie das Eigentum verteilt wird. Das Motto lautet: Privatbesitz wird nicht vollständig aufgelöst. Jeder darf seinen Teddy oder sein Lieblings-T-Shirt behalten. Aber Dinge mit breiterem Nutzen fließen in den Gemeinschaftsbesitz ein. So mussten alle Bewohner beim Einzug ihre Bücher abgeben. Das Wohnzimmer gleicht nun einer Belletristik-Bibliothek. Hier wird sichtbar, wie aus kleinen Einzelbeiträgen etwas Großes entstehen kann.
Aus "mein" wird "unser": Das gilt auch bei den Einnahmen. "Alles wandert in einen Topf, ob es Gehälter sind oder Geschenke von den Großeltern", erklärt Till. Damit bestreiten die Bewohner alle laufenden Kosten. Jeder darf selbst entscheiden, wie viel Geld er gerade braucht. Auf die hypothetische Frage, was passiert, wenn jemand auf Kollektivkosten einen 900-Euro-Cluburlaub machen will, antwortet Clarissa: "Ja klar, das ist möglich, und wenn wir gerade Pleite sind, dann nicht: Dann sagen wir, ist gerade nicht drin."
Die schlanke Blondine ist angehende Heilpädagogin. Durch das Kollektiv hat sie die Sicherheit, ihre Praxis in Ruhe aufzubauen. Wer ins Ausland geht oder an einer Uni-Abschlussprüfung schreibt, wird vom Kollektiv getragen. "Denn der Verdienst hat meist gar nicht viel damit zu tun, wie viel man eigentlich arbeitet", findet Till. So wird ausgeglichen, dass jemand, der hart für die Universität arbeitet, nicht bezahlt wird.
Diese Gedanken wollen die Bewohner in die Welt hinaustragen. Das Projekt hat revolutionären Anspruch. Die linkspolitischen Bewohner wollen einerseits ihre Erfahrungen mit dem Kollektiv publik machen, andererseits die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Deshalb bringen sie sich im Stadtteil Kalk ein und beteiligen sich an sozialen Projekten.
Verschmelzung von Wirtschaft, sozialem Leben und Politik
Es geht im Kollektiv um die Verschmelzung von wirtschaftlichem, sozialem und politischem Leben. Bereiche, die oft getrennt voneinander gelebt werden. Der Vorteil sei, dass man sich vielen Problemen nicht mehr alleine stellen müsse, sagt Clarissa: "Es hat finanzielle Vorteile. Wenn ich keinen Job habe oder krank bin, weiß ich, dass das die anderen mittragen. Wenn ich traurig bin, ist jemand da. Wenn ich Pläne habe, kann ich jemanden fragen, der mitmacht. Auch politisch."
Die Idee, nicht nur unter einem Dach zu wohnen, sondern das Leben gemeinsam zu gestalten, entstand schon vor vielen Jahren. Unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Motivationen diskutierten jahrelang über Umsetzungsmöglichkeiten. Man kannte sich aus linkspolitischen Kreisen, hatte ähnliche Ideale und Ziele. Die Vorstellung von einer besseren Gesellschaft sollte im Kollektiv gelebt werden. Doch viele Versuche scheiterten. "Konkret wurde es, als wir das Haus gefunden haben" sagt Till. Seit drei Jahren leben die zehn Freunde nun so zusammen. Es ist noch nicht alles perfekt. Ständiges Besprechen, zähe Entscheidungsfindungen und Neusondierungen gehören zum Alltag. "Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass jeder zurückstecken muss. Aber das ist kein Nachteil, das gehört dazu", sagt Till.
Über alltägliche Entscheidungen demokratisch abstimmen zu müssen - für viele ist das wohl ein Albtraum. Doch Clarissa will nie wieder anders leben: "Für mich ist das Kollektiv wie eine selbstgewählte Familie ohne den Zwangsaspekt. Und dadurch fühle ich mich geliebt und zuhause."
Von Lena Gilhaus