Beim Personal redet jeder gerne mit
Wir wollen an dieser Stelle einmal Horst Seehofer ausdrücklich Recht geben: "Eine selten dämliche Diskussion" ist das derzeit unter Politikern und Journalisten darüber, ob Angela Merkel 2017 noch einmal als Kanzlerkandidatin der Unionsparteien antreten wird. Dass der bayerische Ministerpräsident genervt ist ob dieser Frage, mag auch an seinem eigenen strategischen Interesse liegen. Zum Kopfschütteln über die munteren Personalspekulationen auf dem Berliner Parkett gibt es aber auch reichlich anderen Anlass.
Zuerst ist da die Situation der Unionsparteien selbst. Flüchtlingspolitik und Europakrise mögen Angela Merkel in der jüngsten Vergangenheit Zustimmung gekostet haben. Aber glaubt eigentlich irgendjemand ernsthaft, dass CDU und CSU eine echte Alternative zu der seit 2005 regierenden Bundeskanzlerin haben? Das Vertrauen der Menschen in ihre Führungskraft ist immer noch groß. Wollten die Unionsparteien in dieser Situation ihre Spitzenvertreterin austauschen, könnten sie auch gleich freiwillig die Macht in Berlin aufgeben. Eine Wahlniederlage wäre programmiert. Das werden sich die Führungsleute in CDU und CSU dreimal überlegen. Wann Angela Merkel aufs Altenteil abtritt, entscheidet vermutlich nur sie alleine.
Davon allerdings unberührt wird munter spekuliert im Berliner Sommerloch. Das wiederum mag daran liegen, dass offenbar nichts den meisten Politikern und vor allem auch Journalisten so viel Spaß macht wie eine ausgewachsene Personaldebatte. Es kann also gar nicht früh genug sein, um in Interviews über mögliche und unmögliche Kandidaturen zu reden. Es ist hier wie beim Bundestrainer der Fußballnationalmannschaft: Jeder kann mitreden, wenn es um die Aufstellung der Mannschaft geht – egal, ob die nun aus Sportlern oder politischen Mandatsträgern bestehen soll. Die Personaldebatte ist ein vorzüglicher Ausweg, um sich den schwierigen Fragen komplexer Wirklichkeiten zu entziehen. Statt über die Integration von Flüchtlingen, eine neue Altersarmut oder die schwierigen Beziehungen zur Türkei reden wir halt lieber übers Personal. Das kann man so machen. Allerdings wird kein einziges der Probleme unserer Zeit dadurch gelöst. Horst Seehofer hat eben doch Recht.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.