Bremsen für Hitler?
Aktuell wird nun die Frage disktuiert, ob Hitler als Werbeträger missbraucht werden darf. Was ist geschehen? Ein paar Studenten haben sich den "Spaß" erlaubt, für eine Abschlussarbeit der Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg im Bereich Werbefilm in einem gefakten Mercedes-Benz-Spot Adolf Hilter umzubringen. Klingt erst einmal banal oder bizarr - je nachdem, wie man will.
Adolf wird überfahren
Brisant oder brutal wird das Ganze dadurch, dass es sich bei Hitler in dem Film um einen kleinen Jungen handelt. Nachdem er von dem Luxusschlitten auf die Haube genommen wurde, folgt die doppelbödige Pointe: Das Auto, so besagt es der Slogan, "erkennt Gefahren, bevor sie entstehen".
Nun streitet die Nation nicht nur darüber, ob man (1) für Hitler bremsen soll, sie streitet sich auch, ob man (2) überhaupt einen (filmischen) Anlass dafür geben darf, darüber zu streiten, ob man für Hitler bremsen soll. Und sie streitet darüber, ob (3) grundsätzlich ein Kind für einen Werbespot "sterben" darf.
Ad 1: Das ist natürlich immer ein interessantes, fesselndes Gedankenspiel. Wer hierfür einen fundierten filmischen Diskussionsanstoß benötigt, der schaue sich Elem Klimows niederschmetternden Antikriegsfilm "Komm und sieh" an. Das 1985 in der UdSSR entstandene Werk beschäftigt sich anhand des Massakers von Chatyn mit genau dieser Frage (natürlich im übertragenen Sinne) und kommt zu einem anderen Schluss als die Werbeclip-Imitation. Ad 2: Natürlich darf man das – auch wenn es über den Umweg eines Werbespots geschehen sollte! Ad 3: Kein Problem, wenn es so geschieht wie hier… Und wer hat eigentlich die graduelle Abstufung beim Sterben eingeführt - Kind: ganz schlimm! Frau: schlimm! Mann: na gut, okay.
Die Macher können stolz sein
Der Film der Studenten steht in einer Tradition, die man in Deutschland kaum kennt: der des anspruchsvoll-ambitionierten, künstlerischen Commercials. Namen wie David Fincher, Michel Gondry, Anton Corbijn, Ridley Scott, Jonathan Glazer, David Lynch oder Wong Kar-Wai stehen dafür. Namen, die man eher aufgrund ihrer brillanten Kinofilme kennt, da einerseits ihr Name im Clip selten zu lesen ist und andererseits diese Clips im deutschen (Werbe-)Fernsehen so gut wie nie zu sehen sind. Sie tauchen allenfalls in eigens dafür kreierten Formaten auf, die die besten, witzigsten oder skurrilsten Werbespots präsentieren.
Nachwuchs-Regisseur Tobias Haase stellt seine Arbeit in diese Tradition – und kann auf sein Ergebnis stolz sein. Denn auch wenn sich Mercedes selbstredend von dem nicht in Auftrag gegebenen Spot distanziert, ein wenig entsetzt tut und die Macher dazu gedrängt hat, Schriftzüge einzubauen, die die Nähe zum Konzern negieren sollen: der Spot ist eine formal perfekt auf seine finale Pointe geschnittene, brillant fotografierte, in vielerlei Hinsicht aufregende Arbeit, die in der Welt der Werbung sicher ihren Sinn erfüllen würde. Der Clip ist übrigens auf YouTube mit mindestens drei Millionen Aufrufen binnen fünf Tagen zu einem absoluten Hingucker avanciert. Keine schlechte Werbung...
Neuer Diskussionsstoff
Die künstlerische Arbeit hat übrigens auch die aktuelle Jury des renommierten deutschen Nachwuchspreis "First Steps Award" begeistert und ihn aus formalen (und vielleicht auch inhaltlichen Gründen) in der Sparte Werbefilme neben "echten" Beiträgen nominiert. Der Preis wird am 16. September verliehen.
Pikant: Mercedes ist einer der Hauptsponsoren des Preises, hatte aber offiziell nichts gegen die Nominierung einzuwenden. Noch pikanter: Unter den fünf nominierten ist ein echter Mercedes-Werbespot! Man darf gespannt sein, wer gewinnt und worüber dann so alles gestritten wird…
Von Jörg Gerle
P.S.: Ein klassischer, echter Werbeclip, der auch für "Aufregung" sorgte, ist Jonathan Glazers Meisterwerk mit Schlittschuh fahrenden, aber auch Durst habenden Priestern - zum Clip gehts hier.
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