"Christ & Welt": Das Ende einer besonderen Zeitungsgeschichte
An diesem Donnerstag ist es so weit: In der Wochenzeitung "Die Zeit" erscheinen zum letzten Mal die Sonderseiten "Christ & Welt". Sieben Wochen, nachdem katholisch.de exklusiv das Ende der in kirchlichen Kreisen lange Zeit aufmerksam gelesenen Beilage vermeldet hatte, werden "Die Seiten für Glaube, Liebe, Hoffnung", wie sie im Untertitel zuletzt hießen, letztmals an die Abonnenten ausgeliefert. Danach verschwindet ein traditionsreicher Titel der bundesrepublikanischen Mediengeschichte aus den Zeitungsregalen.
Das Ende von "Christ & Welt" ist das vorläufig letzte Kapitel einer bemerkenswerten Geschichte. Denn der Titel überstand im Laufe der Jahrzehnte diverse Umbrüche: Er wechselte seine konfessionelle Heimat, seine publizistische Umgebung und seine Gestalt – von einer eigenständigen Wochenzeitung zur Beilage eines vormaligen Konkurrenzblattes.
Einflussreiche Stimme des christlich-konservativen Milieus
Als "Christ und Welt" – damals noch mit "und" und nicht mit "&" geschrieben – am 6. Juni 1948 erstmals erschien, war die Bundesrepublik noch nicht gegründet. Das Land befand sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im politischen und gesellschaftlichen Neuaufbau – und auch die Kirchen mussten ihre Rolle nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur neu bestimmen. In dieser Situation entstand in Stuttgart eine Wochenzeitung, die christliche Überzeugungen mit der Auseinandersetzung über Politik und Gesellschaft verbinden wollte.
Gegründet wurde das Blatt von einem Kreis evangelischer Repräsentanten um den Theologen Eugen Gerstenmaier, dem späteren Präsidenten des Deutschen Bundestages. In den folgenden Jahren entwickelte sich "Christ und Welt" schnell zu einer einflussreichen Stimme des christlich-konservativen Milieus. Unter dem Chefredakteur Giselher Wirsing, der die Redaktion von 1954 bis 1970 leitete, gewann die Zeitung erheblich an Bedeutung. Zeitweise gehörte sie zu den auflagenstärksten Wochenzeitungen Deutschlands.
Zum Bild der frühen Jahre gehören allerdings auch personelle Kontinuitäten aus der Zeit des Nationalsozialismus. In der Redaktion und im Umfeld des Blattes arbeiteten zahlreiche Autoren, die zuvor in der NS-Propaganda tätig gewesen waren – allen voran Chefredakteur Wirsing. Die Geschichte von "Christ und Welt" steht damit nicht nur für ein Kapitel christlicher Publizistik in der jungen Bundesrepublik, sondern auch für die schwierige Auseinandersetzung mit den personellen Hinterlassenschaften der NS-Zeit.
Nach den erfolgreichen Anfangsjahren begann Anfang der 1970er Jahre der Abstieg von "Christ und Welt". Die Gesellschaft veränderte sich, die Bindung an Kirchen und konfessionelle Milieus wurde lockerer, und für die evangelisch-konservative Zeitung wurde es zunehmend schwieriger, genügend Leser zu finden.
Publizistischer Wettbewerb mit der "Zeit"
Die Suche nach einer wirtschaftlich tragfähigen Zukunft sollte die weitere Geschichte von "Christ und Welt" prägen. 1971 wurde das Blatt mit der "Deutschen Zeitung und Wirtschaftszeitung" zusammengelegt. Der gemeinsame Titel lautete fortan "Deutsche Zeitung. Christ und Welt". Damit verlor der ursprüngliche Name bereits einen Teil seiner Eigenständigkeit. Zugleich sorgte die Fusion noch einmal für eine kurze Blüte: Von 1975 bis 1980 lieferte sich die Zeitung einen publizistischen Wettbewerb mit der "Zeit". Mit Autoren wie Klaus Harpprecht, Klaus Mehnert und Peter Scholl-Latour schrieben in dieser Zeit prominente Namen für "Christ und Welt".
Doch wirtschaftlich reichte das nicht. 1980 übernahm die Deutsche Bischofskonferenz das Blatt und führte es mit der von ihr getragenen katholischen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" zusammen, die sich in der frühen Bundesrepublik als konservative Stimme des politischen Katholizismus etabliert hatte. Fortan trug die Zeitung den Namen "Rheinischer Merkur. Christ und Welt". Aus der ursprünglich evangelischen Wochenzeitung "Christ und Welt" war damit ein Teil einer katholischen Publikation geworden.
Doch mit den Jahren geriet auch der "Rheinische Merkur" immer stärker unter Druck. Sinkende Auflagen und hohe Kosten machten das Blatt, das bereits seit den 1970er Jahre auf kirchliche Unterstützung angewiesen war, immer schwerer finanzierbar. 2010 zogen die Bischöfe die Konsequenz und stellten die Wochenzeitung – wohl auf maßgebliches Betreiben des damaligen Kölner Kardinals Joachim Meisner – ein. Die letzte Ausgabe des "Rheinischen Merkur" erschien am 25. November 2010.
Damit schien auch die Geschichte von "Christ und Welt" an ihr Ende gekommen zu sein. Doch der Titel fand noch einmal eine neue Heimat. Nur eine Woche nach dem Ende des "Rheinischen Merkur" erschien "Christ & Welt" am 2. Dezember 2010 wieder – nun als Beilage der "Zeit". Dass ausgerechnet die Hamburger Wochenzeitung den Titel übernahm, entbehrte nicht einer gewissen Ironie: Schließlich war die "Zeit" zuvor publizistische Konkurrentin erst von "Christ und Welt" und später des "Rheinischen Merkur" gewesen.
Berichterstattung über "Glaube, Geist, Gesellschaft"
Als neu konzipierte Beilage führte "Christ & Welt" die Berichterstattung über "Glaube, Geist, Gesellschaft" – so der Untertitel – im größeren publizistischen Umfeld der "Zeit" fort. Anfänglich umfasste die Beilage sechs Seiten, die von einer sechsköpfigen Redaktion im Katholischen Medienhaus in Bonn produziert wurden.
Für Joachim Frank, den Vorsitzenden der Gesellschaft katholischer Publizistinnen und Publizisten Deutschlands (GKP), war "Christ & Welt" gerade in diesen ersten Jahren eine "wichtige, überregionale Stimme". Sie habe mit investigativen und analytischen Geschichten überzeugt und Debatten angestoßen, so Frank gegenüber katholisch.de. Besonders wertvoll sei gewesen, dass ein Medium außerhalb der kirchlichen Binnenwelt "konzentriert und sachkundig" auf Religion, Kirche und Kirchenpolitik geschaut habe.
Dass die Beilage, die ab 2016 vom "Zeit"-Verlag allein und in Berlin produziert wurde, dennoch in all den Jahren ein eher verborgenes Angebot blieb, bedauert Frank. Er habe sich immer gewundert, dass ein solches "Juwel" nicht offensiver vermarktet worden sei. Auch das Abo-Modell – "Christ & Welt" lag der "Zeit" nicht automatisch bei, sondern musste extra abonniert werden – sei ein Problem gewesen. "Wenn ein Verlag viel Geld in ein hochwertiges Produkt investiert, würde man doch eigentlich erwarten, dass er es aktiver am Markt platziert", so der Journalist.
Dass der Fortbestand von "Christ & Welt" auch unter dem Dach der "Zeit" nicht von Dauer sein könnte, wurde 2024 klar. Damals wurde das Produkt als eigenständige Beilage eingestellt und stattdessen nur noch in Form dreier "Sonderseiten" im Hauptblatt fortgeführt. Eine Verlagssprecherin erklärte damals, dass der Verlag überzeugt sei, dass "Christ & Welt" als Teil des Hauptblattes noch besser werde – "zwar weniger umfangreich, aber inhaltlich noch stärker". Diese Vorhersage hielt nur zwei Jahre – bis zur jetzt erfolgenden Einstellung. Künftig soll die Berichterstattung über Religion und christliche Themen in der "Zeit" im Digitalen sowie auf den Seiten "Glauben und Zweifeln" stattfinden, die laut dem Verlag künftig häufiger mit erweitertem Umfang im Blatt zu finden sein sollen.
Nächste Einstellung bereits am Horizont
Aus Sicht von Joachim Frank verschwindet mit "Christ & Welt" ein "profilierter Ort" für Journalismus über religiöse Themen. Und das in einer Zeit, in der es eigentlich mehr Medien bräuchte, die religiöse und ethische Entwicklungen einordneten, komplexe Zusammenhänge verständlich machten und vereinfachende Zuschreibungen vermieden.
"Christ & Welt" wird diese Rolle nicht mehr spielen können. Und am Horizont kündigt sich schon die nächste Einstellung eines profilierten religionsjournalistischen Angebots an: Mit der für Ende November geplanten Programmreform des Deutschlandfunks soll das bislang werktägliche Religionsmagazin "Tag für Tag" als eigenständige Sendung verschwinden.