Comiczeichnerin: Schuldgefühl ist das erfolgreichste katholische Virus
Jutta Pilgram, Münchner Journalistin und Comiczeichnerin, sieht im Schuldgefühl "das erfolgreichste katholische Virus". Auch sie selbst sei damit als Heranwachsende in einer streng religiösen Umgebung infiziert worden, sagte Pilgram der "Süddeutschen Zeitung", für die sie früher als Redakteurin gearbeitet hat. "Man hat ein Leben lang damit zu tun und ständig Schuldgefühle wegen irgendwelcher Kleinigkeiten."
Pilgram berichtete, sie habe als Kind "stundenlang Gewissenserforschung betrieben und den Beichtspiegel im Gesangbuch durchgearbeitet". Gerade wenn religiöse Erziehung mit starken Bildern wie Hölle und Erlösung arbeite, seien Angst und Selbstabwertung die Folge. "Wenn man nicht von Gott gerettet wird, dann bleibt man in diesem Zustand und versucht ständig, sich selbst zu optimieren." Die Autorin sagte, sie schätze aber auch vieles an der christlichen Lehre. "Begriffe wie Barmherzigkeit zum Beispiel, Demut oder die Friedensbotschaft."
"Sehr schmerzhafte Ungeborgenheit"
Beim Auszug von daheim habe sie eine "sehr schmerzhafte Ungeborgenheit gespürt", erzählte Pilgram. "Das muss man erstmal aushalten und sich bewusst werden, dass die Welt nicht so simpel ist, wie man es vielleicht bislang angenommen hat und es einem vorgelebt wurde." Geholfen habe ihr Lesen und Nachdenken, aber auch die Begegnung mit anderen Lebensentwürfen. "Man kann aber auch daran scheitern, wenn die Welt plötzlich so viel verwirrender und ungeborgener ist." Oft dauere es Jahre, "bis man sich aus geschlossenen Systemen lösen kann, die auf alles eine Antwort kennen".
Mit der Graphic Novel "Glaub mir" gab Pilgram im April ihr Comic-Debüt. Darin erzählt sie die Geschichte einer katholisch-muslimischen Mädchenfreundschaft, die am zunehmenden Fundamentalismus ihrer Herkunftsfamilien zerbricht – und davon, wie sich die beiden Jahre später wieder begegnen.
Was christliche und islamische Fundamentalisten eint
Die Journalistin sagte, sie habe sich intensiv mit religiösen Influencern im Netz beschäftigt. "Nicht alle sogenannten 'Sinnfluencer' sind gefährlich. Aber es fällt auf, dass sich auf Instagram oder Tiktok religiöse Botschaften stark mit esoterischen, sektenartigen oder radikalen Inhalten mischen." Frappierend sei, "dass fundamentalistische Christfluencer und konservative bis extremistische Islamprediger teilweise dasselbe Anliegen haben und dieselben Begrifflichkeiten benutzen". So beschwörten sie einen allgemeinen Sittenverfall, sprächen von absoluten Wahrheiten, riefen zur Unterordnung der Frau auf und machten Stimmung gegen Andersdenkende. "Das finde ich beunruhigend."