Dabeisein – selbstbestimmt
Um diesen Missstand zu beheben starteten die Antidiskriminierungsstelle und der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), am Dienstag in Berlin das Themenjahr "Selbstbestimmt dabei. Immer." Mit dabei sind auch Prominente aus Fernsehen, Sport und Musik.
Eingliederung in den Arbeitsmarkt oft verwehrt
Besonders stark würden Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, sagte Lüders bei der Vorstellung der Kampagne. Eine anlässlich des Themenjahres veröffentlichte Forsa-Umfrage belege, dass 42 Prozent von ihnen sich mehr Unterstützung bei der Arbeitssuche und im Berufsleben wünschten. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt würden die Betroffenen oftmals "pflichtschuldig" zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Doch eine Zusage bliebe ihnen häufig verwehrt.
Trotz der Debatte um die Einbeziehung der Behinderten - die sogenannte Inklusion - kämen sie stattdessen oftmals gleich nach der Sonder- oder Förderschule in entsprechende Werkstätten. "Dabei wollen viele behinderte Menschen keine Sonderwelten, sondern auf den allgemeinen Arbeitsmarkt", erklärte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle.
Künftige Eltern skeptisch gegenüber Inklusion
Das Aufwachsen in getrennten Lebenswelten führe zu Berührungsängsten und zu Vorbehalten in Schule und Arbeitswelt, so Lüders. Erforderlich sei deshalb ein Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nicht-behinderten Kindern. Laut Umfrage glauben rund zwei Drittel der Befragten, dass Inklusion in Deutschland funktionieren könnte, wenn entsprechende Mittel dazu vorhanden wären.
Am skeptischsten seien jedoch gerade diejenigen, die in absehbarer Zeit Kinder im schulpflichtigen Alter haben werden: Knapp 40 Prozent aller 18- bis 29-Jährigen glauben nicht an ein Gelingen der Inklusion. "Uns muss diese Zahl sehr nachdenklich machen. Ganz offensichtlich ist das die Konsequenz getrennter Lebenswelten", sagte Lüders.
Katarina Witt kämpft für die Behinderten
Ein Gesicht, das in dem Themenjahr für mehr Gleichberechtigung von Behinderten in der Gesellschaft wirbt, ist die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt. Neben ihr stellten auch TV-Moderatorin Nina Ruge, der behinderte Schauspieler Erwin Aljukic, Model Mario Galla und mehrere Paralympic-Stars die Kampagne vor. Ein Fachkongress soll im Sommer den schwierigen Zugang Behinderter zum allgemeinen Arbeitsmarkt und Benachteiligungen aufgrund chronischer Krankheiten thematisieren.
Nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes sind 7,3 Millionen Menschen in Deutschland schwerbehindert. Damit werden Menschen mit einem Behinderungsgrad von mehr als 50 Prozent bezeichnet. 10 Millionen Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle chronisch krank. Obwohl sie sich oft in einer ähnlichen Lage wie behinderte Menschen befänden, hätten sie nicht den gleichen Diskriminierungsschutz, kritisiert Lüders.
Von Agathe Lukassek (mit Material von KNA)