"Damit hatte niemand gerechnet"
Bei der Neuordnung der Zusammenarbeit sei der Umgang mit religiösen Minderheiten ein wichtiges Kriterium.
Entwicklungszusammenarbeit und militärische Hilfe auf dem Prüfstand
Das Schicksal der koptischen Kirche beobachte man mit großer Sorge. An eine eigene Asylregelung für verfolgte Christen aus Ägypten werde jedoch derzeit nicht gedacht, so das Innenministerium. Auf dem Prüfstand stünde derzeit sowohl die Entwicklungszusammenarbeit als auch die militärische Hilfe für Ägypten. Exporte von Rüstungsgütern würden derzeit nicht mehr genehmigt. Angesichts der anhaltenden Ausschreitungen in Ägypten wollen sich die EU-Außenminister noch in dieser Woche zu einem Krisengipfel in Brüssel treffen.
Nach Angaben von Matthias Vogt, Ägypten-Experte des katholischen Hilfswerks "missio", sind die ägyptischen Christen "entsetzt" von dem Ausmaß der Gewalt gegen sie. "Damit hatte niemand gerechnet", sagte Vogt im Interview mit dem Portal weltkirche.katholisch.de. Dennoch glaubten sie, dass ein friedliches Zusammenleben mit den Muslimen auch in Zukunft möglich sei.
Kritik an westlichen Medien
So hätten am vergangenen Wochenende etwa einige Muslime schützend Kirchen umringt, um Gewalttaten während der Gottesdienste zu verhindern. Wie Vogt weiter berichtete, kritisieren Kirchenvertreter jedoch die Berichterstattung westlicher Medien: "Sie haben den Eindruck, dass die Muslimbrüder als Opfer einer Gewaltregierung dargestellt werden".
Für die "Internationale Gesellschaft für Menschenrechte" (IGFM) erreichen die Angriffe auf christliche Einrichtungen eine bisher unbekannte Qualität. Frühere "Quasi-Tabus" seien gebrochen worden: So seien in der Provinz Beni Suef drei Nonnen vergewaltigt worden, es habe Angriffe auf Christen während eines Gebets gegeben, Brandsätze und Molotov-Cocktails seien auf Kirchen geflogen.
IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin sagte in Frankfurt am Main, die Wut entlade sich an den Kopten als vermeintlichen Vertretern des "christlichen Auslandes", das in den Augen der Muslim-Brüder die Militärführung unterstütze. Lessenthin bezeichnete die koptischen Christen als "Sündenböcke und leichte Opfer".
Weltberühmtes Kloster schließt
Die Gewalttaten haben auch sehr praktische Folgen: Nachdem am Montagmorgen im Nord-Sinai bei einem mutmaßlich von Islamisten verübten Anschlag mindestens 24 Polizisten getötet wurden, hat das auf der Halbinsel gelegene Katharinenkloster seine Tore für den Besucherverkehr bis auf weiteres geschlossen. Das im 6. Jahrhundert gegründete orthodoxe Kloster zählt zu den bekanntesten Pilgerorten der Christenheit. 2002 wurde es als UNESCO-Welterbe eingestuft.
Ein eineinhalb Jahrtausende altes koptisches Kloster im mittelägyptischen Degla hat erstmals in seiner Geschichte Gottesdienste ausfallen lassen. Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi hätten den Klosterkomplex mit seinen drei Kirchen angegriffen, sagte der Priester Selwanes Lotfy laut der Online-Zeitung "Egypt Independent" von Montag.
Seit vergangenen Mittwoch sind zahlreiche kirchliche Einrichtungen in Ägypten Ziel von Anschlägen geworden. Nach Angaben kirchlicher Medien verwüsteten mutmaßliche Islamisten rund 60 christliche Gotteshäuser und kirchliche Gebäude oder steckten sie in Brand. (gho/KNA)