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ifp-Chef Wolfgang Sauer über den Journalisten-Patron und unethische Berichterstattung

"Das geht gar nicht"

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Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher.
München - Was den Handwerkern der Josef ist, ist den Journalisten Franz von Sales (1567-1622). Am Tag des Schutzpatrons der schreibenden Zunft verrät der geistliche Direktor der katholischen Journalistenschule ifp ("Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses") in München, Monsignore Wolfgang Sauer, was die Medienleute von dem Kirchenlehrer lernen können. Außerdem äußert er sich zu ethisch fragwürdigem Verhalten wie beim Unfall von Michael Schumacher, dem ADAC oder dem Prozess gegen Christian Wulff.

Frage: Monsignore Sauer, wer war Franz von Sales?

Wolfgang Sauer: Franz von Sales ist nicht zuletzt in seiner Bereitschaft zur Bekehrung eine beeindruckende Persönlichkeit: Er hatte in jungen Jahren keine geistliche Laufbahn im Auge, sondern studierte Jura, machte dann aber im calvinistischen Genf eine intensive Wandlung in seinem Gottesbild und seiner Gläubigkeit durch. Sein Vater hatte alles für eine politische Karriere vorbereitet, aber Franz entschied sich bewusst für den Priesterberuf. Und den hat er dann auch sehr seelsorgerlich und diplomatisch ausgeführt. Er war auf Themen wie Frieden, Versöhnung und Verständigung unter den Menschen bedacht. Als Bischof von Genf hat er sehr fruchtbar missionarisch und auch literarisch gearbeitet, als ein Mann des reflektierten und ehrlichen Wortes.

Frage: Den Journalismus gab es in der heutigen Form zur Zeit des Heiligen nicht. Warum hat Papst Pius XI. Franz von Sales 1922 zum Patron dieser Berufsgruppe gemacht?

Sauer: Das, was für Franz von Sales wichtig war, sollte jedem Journalisten als Ethos im Blut liegen: die unabdingbare Verpflichtung gegenüber der Wahrheit und die Fähigkeit, geistreich und aktuell zu sein. Außerdem konnte er die Botschaft in eine einfache und verständliche Sprache für die Leute übersetzen, die sie auch ins Herz traf. Für mich ist es plausibel, dass er Patron der Journalisten wurde, denn ein Journalist muss wahrhaftig, aktuell sowie vergegenwärtigend arbeiten und komplizierte Sachverhalte auf verständliche Weise versprachlichen können, ohne sie zu simplifizieren.

Frage: Was können Journalisten heute noch von diesem Kirchenlehrer lernen?

Franz von Sales, als Fürstbischof von Genf seine Kleider flickend. Farblithographie, anonym, Frankreich um 1890.

Sauer: Er hat eine seiner Hauptschriften, die "Philothea", dazu benutzt, um eine Tugendlehre zu betreiben. Und dabei beeindruckt mich sehr, wie er den Begriff der Demut betont. Franz von Sales sagte, dass die Demut jene Form von Tugend sei, an der auch jene Menschen oft scheiterten, die ansonsten in der Vervollkommnung in ihrem geistigen Leben weit fortgeschritten sind. Es gibt ja viele Begabungen, aber die wirkliche Autorität und der wirkliche Meister zeigt sich daran, dass er sich demütig unter die Sache stellt. Wenn man heutzutage vor Menschen steht, ob als Prediger oder als Journalist, ist immer auch diese Gefahr der Eitelkeit da, statt nur die Wahrheit und die Fakten zu übermitteln. Die Geltungsbedürftigkeit ist ja ein Stück weit okay, aber man muss sie beherrschen können und vor allem der "Message" dienen, also eine Art journalistische Demut besitzen.

Frage: Hat der Heilige selbst Tipps gegeben, wie man dieser Gefahr der Eitelkeit entgehen kann?

Sauer: Er nahm sich Zeiten zum Gebet und zur Meditation. Dabei ging es Franz von Sales darum, sich von Gott anschauen zu lassen, in der Gegenwart Gottes zu leben und als Folge davon eine gewisse Heiterkeit zu verbreiten. Wenn er seine Botschaft verkündet, dann nicht mit bitterer Miene und mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer bisweilen humorvollen Gelassenheit, mit einer Souveränität und mit einer brillanten Intellektualität. Einer, der diese Begabungen besitzt, hat es nicht nötig, sich kämpferisch um seine Position zu bemühen. Deswegen sagt Franz von Sales "der wirklich demütige Mensch macht kein Aufhebens aus dem, was er alles kann."

Frage: Als Geistlicher Direktor einer katholischen Journalistenschule geht es Ihnen darum, die Nachwuchspublizisten auch ethisch zu schulen. Wie reagieren Sie, wenn Sie hören, dass sich Presseleute – wie im Fall Michael Schumacher – als Priester verkleidet in eine Klinik einschmuggeln?

Sauer: Als Seelsorger sage ich zunächst, dass solche Vorgehensweisen eine absolute Verfehlung sind. "Das geht gar nicht!" Auf der anderen Seite ist es so, dass eine prominente Person - die auch von vielen als Lichtgestalt empfunden wird - im Augenblick des Unglücks eine negative Prominenz bekommt. So sollten meinungsbildend Tätige dafür werben, dass man für den Betroffenen und für die Angehörigen Verständnis aufbringt. Jede sensationslüsterne und auf Gewinn oder Quote bedachte Attitüde muss weggelassen werden, das ist eine Frage des Respekts und auch der Würde. Menschen, die in schwerer gesundheitlicher Situation sind, darf man nicht auch noch zum Objekt des Profits machen; auch für Prominente gilt diese Diskretionsgrenze.

Wolfgang Sauer ist Geistlicher Direktor des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuches (ifp) in München.

Da lobe ich mir alle Journalisten, die sich zwar auf dem Laufenden halten, um den Sachstand zu erfahren, die aber nicht rücksichtslos hinter jeder vermeintlichen Information her sind. Gott sei Dank hat es sich bei Michael Schumacher jetzt auch ein wenig beruhigt.

Frage: Der Chefredakteur der meistgelesenen Zeitschrift Deutschlands, ADAC Motorwelt, hat offenbar die Stimmzahlen für das Lieblingsauto vervielfacht. Glauben Sie, dass der Vertrauensverlust nach diesen Manipulationen auf den ADAC oder auf den Journalismus zurückfällt?

Sauer: Zunächst einmal denke ich ohne Schadenfreude an den ADAC. Im Jahr 2010 haben wir als katholische Kirche auch plötzlich negative Schlagzeilen gehabt - mit nachvollziehbaren Gründen. Die Öffentlichkeit war entsetzt über das, was damals an Missbrauchsfällen bekannt geworden ist. Keine Organisation, keine Institution ist befreit davon, dass Kräfte und Akteure, die nicht der Satzung des Vereins bzw. dem Ethos der Institution entsprechen, Fehler machen: mit Zielen, die manchmal egoistischer Natur sind oder vermeintlich dem guten Image der Institution nutzen wollen. Es bleibt aber nichts verborgen, irgendwann kommen die Dinge ans Licht, und das muss jeder wissen, der an verantwortlicher Stelle agiert - und auch manchmal in der Gefahr ist zu manipulieren. Deshalb ist auch hier nochmal das Prinzip von Transparenz und Wahrhaftigkeit von größter Bedeutung.

Frage: Welche Konsequenzen vermuten Sie?

Sauer: Das vermag ich nicht abzuschätzen, aber dass der "Nimbus ADAC" wieder auf die Füße gestellt wird, ist sicher kein Fehler. Das sage ich mit der gleichen Deutlichkeit ja auch im Blick auf uns als Katholische Kirche: Der Journalismus "schreibt uns nicht nieder", sondern es sind die eigenen fragwürdigen Verhaltensweisen, die manchmal wie aus heiterem Himmel plötzlich an die Öffentlichkeit kommen, und denen man sich dann aufrichtig stellen muss. In der derzeitigen aufgescheuchten Situation reagiert das deutsche Publikum wie so oft ein wenig nervös, und etwas mehr Ruhe und Nachdenklichkeit wären nötig. Denn ich bin sicher, dass der ADAC auch segensreich wirkt, ich denke an die Rettungshubschrauber und so weiter… eindimensionale Bewertungen greifen meistens zu kurz.

Frage: Welche Wünsche haben Sie an die Medien im Jahr 2014?

Sauer: Dass sie unaufgeregt ihre Arbeit weitermachen und wache Beobachter sind. Eine demokratische Gesellschaft ist dringend angewiesen auf verlässliche Kommunikation durch die Medien. Aber gerade weil die Meinungsbilder großen Einfluss haben, ist es wichtig, dass man sich nicht nur dem Glanz der eigenen Reputation verpflichtet fühlt, sondern immer auch an das Ende denkt. Im zu Ende gehenden Prozess um Christian Wulff sieht man, wie manche Mechanismen sich verselbständigt haben, und nach ein, zwei Jahren manche sich fragen, ob sie wirklich richtig gehandelt haben. Es geht um etwas wie die Fähigkeit des zweiten Futur: Man muss sich heute schon überlegen, wie ich übermorgen auf das zurückschauen werde, was ich jetzt sage und tue. Ja, es braucht eine weise Voraussicht im Journalismus, die auch wiederum mit Demut zu tun hat.

Das Interview führte Agathe Lukassek

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