"Das größte Versprechen"
Dass sie einmal wieder dazu fähig sein würde, zu gehen und zu sprechen, hätte vor gut einem Jahr wohl niemand gedacht. Da lag Malala schwer verletzt in einem Krankenhaus, getroffen von zwei Kugeln der Taliban. Die Gotteskrieger hatten ihren Schulbus angehalten, nach Malalas Namen gefragt und ihr dann gezielt in den Kopf geschossen. Ihr Vergehen: Malala hatte sich für die Bildung junger Mädchen in Pakistan eingesetzt und war trotz Verbots der Taliban weiter zur Schule gegangen.
Neue Hinrichtungswelle im Iran
Doch nicht nur in Pakistan werden Grundrechte verletzt. Wenn die Weltgemeinschaft heute den Internationalen Tag der Menschenrechte begeht, dann gibt es viele Orte, die Aufmerksamkeit verdienen. Zum Beispiel der Iran: Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat dort in den vergangenen Monaten eine neue Hinrichtungswelle beobachtet. War der Amtsantritt des neuen Präsidenten Hassan Ruhani anfänglich von der Hoffnung auf mehr Rechtstaatlichkeit und Respekt begleitet, hat sich nach Einschätzung von IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin inzwischen tiefe Enttäuschung breit gemacht. Es zeichne sich eine bewusst zweigleisige Politik zwischen liberaler Rhetorik und anhaltenden Menschenrechtsverletzungen ab.
Auch die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner wirft den iranischen Behörden "Willkür und Grausamkeit" vor. Für die Betroffenen sei öffentliche Aufmerksamkeit entscheidend. Sie wolle mit ihrem Engagement auch als Christin "Solidarität mit meinen Schwestern und Brüdern im Glauben zeigen", sagte Klöckner in der vergangenen Woche in Berlin.
Für die Menschen in Lateinamerika setzt sich das kirchliche Hilfswerk Misereor ein. Zum Internationalen Tag der Menschenrechte berichtet Yolanda Herrera, langjährige Beraterin für Misereor, beispielhaft aus Bolivien. Dort seien die Menschenrechte zwar inzwischen in die Verfassung aufgenommen, sagt sie. Aber das sei nur die eine Seite der Medaille: "Zwischen Theorie und Praxis besteht eine riesige Kluft! Die Rechte der indigenen Völker werden verletzt und auch der Zugang zu einem funktionierenden Rechtssystem ist nicht gewährleistet". So herrschten in den bolivianischen Gefängnissen, in denen Menschen oft ohne rechtskräftige Verurteilung inhaftiert seien, unmenschliche Verhältnisse – Mangelernährung und Krankheiten seien verbreitet.
Ackermann: Menschenwürde von Flüchtlingen nicht verletzen
Auch in Europa werden die Menschenrechte nicht überall konsequent umgesetzt. Bischof Stephan Ackermann, der Vorsitzende der kirchlichen Kommission "Justitia et Pax" mahnt, beim Umgang mit Flüchtlingen müsse die Menschenwürde Priorität haben. Das dürfe ob der technischen Diskussionen über eine effiziente Sicherung der Grenzen Europas nicht vergessen werden. "Wir müssen uns leiten lassen von der Frage, wie wir den Schutz der Menschenwürde am besten gewährleisten können", so Ackermann. Der Schutz der Menschenwürde finde seine Absicherung vor staatlichen Eingriffen in den Menschenrechten, so der Bischof, der auch kritisierte, dass das Menschenrecht auf Religionsfreiheit oft als "Sonderrecht" oder "Privileg" missverstanden werde.
Ähnlich äußerte sich der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte. Immer noch würden in vielen Ländern Menschen aufgrund ihrer religiösen oder politischen Überzeugung, Herkunft oder Sexualität diskriminiert.
Kluft zwischen Worten und Taten
Dass auch im Rahmen der NSA-Affäre Menschrenrechte verletzt werden, daran hat das Deutsche Institut für Menschenrechte erinnert. Es fordert einen Bundestagsuntersuchungsausschuss mit umfassenden Befugnissen zur Aufklärung des Abhörskandals. Institutsdirektorin Beate Rudolf sagte, die nun 65 Jahre alte UN-Menschenrechtscharta enthalte bereits das Recht auf Privatleben und das Kommunikationsgeheimnis. Sie sei der zentrale Maßstab bei der Bewertung von abgehörten Telefonaten und gespeicherten persönlichen Daten von Geheimdiensten. Auch der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), wählte einen aktuellen Bezug: Er zeige sich solidarisch mit den Aktivisten in aller Welt und denke besonders "an alle, die für eine europäische Ukraine auf die Straße gehen", sagte er.
Bundespräsident Joachim Gauck beklagte, die internationale Gemeinschaft habe in den 65 Jahren seit der Unterzeichnung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Gewaltorgien, Genozide oder Giftgasanschläge nicht verhindern können. "Worte und Taten liegen beim Thema Menschenrechte zu oft noch weit auseinander", so Gauck. Die Universalität der Menschenrechte müsse in jeder Kultur verteidigt werden. Trotz seiner Kritik nannte er die Erklärung der Menschenrechte vor den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1965 "eines der größten Versprechen, das seit Menschengedenken formuliert wurde".
Malala Yousafzai hat dieses Versprechen gehört - und bei der Verleihung des Sacharow-Preises angekündigt, weiter für Menschenrechte wie die Bildung für junge Mädchen zu kämpfen. Die weltweit 57 Millionen Kinder, die nicht zur Schule gehen könnten, wollten kein I-Phone und keine Schokolade, sagte sie. "Sie wollen nur ein Buch und einen Stift".
Von Gabriele Höfling (mit Material von dpa und KNA)
Zum Tag der Menschenrechte laden das Hilfswerk missio und die Kirchengemeinde Franziska von Aachen am Dienstag, 10. Dezember zu einem Gottesdienst in die Aachener Kirche St. Foillan zur ein. Die Messe steht unter dem Motto "Aktion Lebenszeichen – Solidarität mit bedrängten Christen". Sie beginnt 18.30 Uhr.