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In Deutschland werden zu viele Lebensmittel verschwendet

Das große Wegschmeißen

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Stuttgart - Elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr in Deutschland weggeworfen. Zu viel - finden auch immer mehr Restaurant-Betreiber. Sie wollen ihre Gäste von einem "Weniger ist mehr" überzeugen.

"Wir haben nie auch nur ein Reiskorn in der Schüssel gelassen." Seit er als Kind in einem kleinen chinesischen Dorf aufwuchs, weiß der heute 40-jährige Guyo Luan den Wert dessen zu schätzen, was täglich zum Essen auf den Tisch kommt. Immer mehr begann es ihn daher zu stören, wenn Gäste seines Stuttgarter Restaurants "Yuoki" dessen Aufforderung "All you can eat" als Einladung zu Gelagen ohne jede Grenze auffassten. Sie ließen sich derart viel auf ihre Teller packen, dass nach ein paar Gängen nicht nur ihre Mägen restlos mit exotischen Suppen, knackigen Salaten und würzigen Sushirollen gefüllt waren, es blieb auch noch so viel übrig, dass die Mülltonnen des "Yuoki" von zurückgegebenen Essensresten überquollen.

Guyo Luan gefiel diese Verschwendung überhaupt nicht. "Es heißt 'All you can eat' und nicht 'All you can wegschmeißen'", fasste er bündig die Situation zusammen und zog Konsequenzen. "Bitte bestellen Sie immer nur so viel, wie Sie tatsächlich essen können, um unnötige Verschwendung zu vermeiden. Bei zuviel bestellten Speisen müssen wir einen Betrag von 1 Euro pro Gericht erheben, den wir dann einer Wohltätigkeitsorganisation spenden" heißt es jetzt auf den als High-Tech-Speisekarten dienenden iPads. Und die Mahnung zur selbstkritischen Bescheidenheit kommt offensichtlich an.

Akt der Solidarität mit sozial Schwächeren

"Früher landeten in unserem Restaurant sechs bis sieben Prozent der Speisen in der Tonne, jetzt ist es nicht einmal mehr die Hälfte davon", freut sich Luan über den Erfolg seiner Initiative, die bei ihm die Rate der Lebensmittelabfälle auf nur noch rund zwei Prozent sinken ließ: zum großen Teil Knochen, Gräten oder andere nicht essbare Speisereste. Sparsam mit Lebensmitteln umzugehen ist für den Christen Luan nicht nur ein Gebot von Umweltschutz und Ökologie: Bei der Auswahl des Essens nicht über die Stränge zu schlagen, ist für ihn auch ein Akt der Solidarität mit den Menschen, denen es nicht so gut geht wie zahlungskräftigen Mitteleuropäern.

Linktipp: Zu gut für die Tonne

Jahr für Jahr landen 1,3 Milliarden Tonnen aller weltweit produzierten Nahrungsmittel im Abfall. Dies ist das Ergebnis eines Berichts der Vereinten Nationen. Die Nahrungsmittelknappheit der Nachkriegsjahre sind längst vergessen - zu groß ist das Angebot der Supermärkte, die versuchen, sich im Preiskampf zu unterbieten. Wirklich verdorben sind weggeworfene Lebensmittel aber selten.

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Mit dieser Auffassung steht Guyo Luan nicht allein. Auch in anderen Städten verlangen Wirte inzwischen Geld, wenn ihre Gäste sich am Buffet die Teller vollschaufeln, die überreichlichen Portionen dann aber wieder zum großen Teil zurückgehen lassen. Bei keinem dieser Gastronomen geht es indes augenscheinlich um mehr Gewinn, bei allen scheint es vielmehr ihr Gewissen zu sein, das sie antreibt.

Gründe für schlechte Gewissen bei der geschätzten Kundschaft gibt es in der Tat genug, denn längst geht es nicht mehr nur um ein paar übrig gelassene Krümel oder Knochen auf dem Teller. Die Universität Stuttgart ermittelte schon 2012 in einer von der Bundesregierung geförderten Studie eine Gesamtmenge von knapp elf Millionen Tonnen Lebensmitteln, die jedes Jahr von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten überflüssigerweise entsorgt werden. Auf den einzelnen Konsumenten umgerechnet wirkt diese Angabe noch dramatischer: 82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche in jedem Jahr weg, das entspricht etwa der Menge von zwei vollgepackten Einkaufswagen.

"Nahrungsmittel werden bei uns als quasi jederzeit und allerorten frei verfügbar wahrgenommen", resümiert denn auch Benjamin Luig, Referent für Agrar- und Ernährungspolitik des katholischen Hilfswerks Misereor. Er sieht in dieser falschen Wahrnehmung eine der wesentlichen Ursachen für unseren sorglosen Umgang mit Nahrungsmitteln und kritisiert scharf: "Diese Verschwendung ist angesichts der Tatsache, dass heute über 800 Millionen Menschen hungern, nicht hinnehmbar."

Das Angebot "All you can eat" sollte nicht als Einladung zu Gelagen ohne jede Grenze missverstanden werden.

Diese deutliche Position nimmt auch die Universität Stuttgart ein, die in ihrer Studie schon 2012 feststellte, es sei "sowohl ethisch als auch sozial nicht vertretbar, Lebensmittel nicht zu nutzen. Hierdurch wird die Schere zwischen Wohlstand und Armut, zwischen Überfluss und Unterernährung sowie zwischen Industrie- und Entwicklungsländern immer weiter geöffnet." Wie der World Wide Fund For Nature (WWF) als eine der weltweit größten und angesehensten Naturschutzorganisationen errechnete, würde auf unserer Erde eine Fläche von rund 1,8 Millionen Fußballfeldern nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion benötigt, wenn sich auch nur alle Deutschen bei ihrem täglichen Speiseplan nach ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen richteten. Damit könnten 27 Millionen Tonnen an Treibhausgasen eingespart werden.

Eu verpflichtet sich auf nachhaltige Entwicklung

Ausgerechnet im Paradies von Pizza und Pasta will der Gesetzgeber das Problem der Verschwendung auf Tisch und Teller jetzt energischer als bisher angehen. Anfang August verabschiedete das italienische Parlament ein Gesetz, das die Sensibilität der italienischen Verbraucher für den Wert ihrer Lebensmittel erhöhen soll und gleichzeitig Nahrungsmittelspenden seitens der Produzenten und des Handels erleichtert. Derzeit machen die Lebensmittelverluste bei unserem südlichen Nachbarn noch gewaltige 54 Prozent des Konsums aus.

Auch europaweit beginnt sich die Situation zu ändern. So haben alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Verpflichtung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung anerkannt, nach denen unter anderem die Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2030 halbiert werden sollen. 70 öffentliche und private Organisationen einschließlich aller in der EU vertretenen Regierungen wollen in Zukunft intensiv zusammenarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Nicht nur Guyo Luan würde es wahrscheinlich freuen, wenn das auch tatsächlich gelänge.

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