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Jugend-Workcamp im ehemaligen KZ

Das Schicksal der Anderen

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Am rechten Bildrand stehen eine Reihe anderthalbstöckiger Baracken. Davor ist ein breiter Weg mit dunklem Kies.
Fürstenberg/Havel - In dem ehemaligen SS-Aufseherinnen-Haus ist das Licht schummrig. Konzentriert lesen junge Männer und Frauen alte Briefe und Protokolle. Sie übersetzen die Handschriften der Gefangenen im einstigen Konzentrationslager Ravensbrück im Norden Brandenburgs. Vorher haben sie Blumenkranz-Schleifen vom Jahrestag der Befreiung zusammengerollt. Hier verbringen Michalina Kopaczyk aus Polen und Maria Victoria Cupe aus Spanien ihre Ferien.

Statt mit Partys am Strand oder Backpacking in Thailand wie ihre Altersgenossen sind die 19-jährige Kopaczyk und die 21-jährige Cupe zwei Wochen lang mit Freiwilligenarbeit beschäftigt. Und das an einem Ort, der Schauplatz eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte war. Zehntausende Menschen starben in Ravensbrück nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente. In einer Gaskammer ermordete die SS von Ende Januar bis April 1945 etwa 5.000 bis 6.000 Häftlinge.

Unkraut zupfen, Wände streichen, über Geschichte diskutieren

"Ich wollte gern arbeiten, ohne Geld zu bekommen", erzählt die Polin Kopaczyk. "Für mich ist das die Gelegenheit, etwas für die Gesellschaft zu tun", sagt die junge Frau mit den langen, gelockten Haaren und dem durchdringenden Blick. Ihre Tante habe ihr Geschichten aus der NS-Zeit erzählt. "Damit wollte ich etwas machen, weil diese Zeit noch so nah dran ist an uns."

Eine junge Frau mit schulterlangem lockigen Haar schaut in die Kamera
Die Polin Michalina Kopaczyk hält am 08.08.2013 in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück in Fürstenberg (Brandenburg) eine Kopie eines Briefes von einem Lagerinsassen in den Händen.

Und so kam die 19-Jährige auf das sogenannte Workcamp in Ravensbrück. Hunderte solcher Zusammentreffen gibt es meist im Sommer in den Gedenkstätten an die NS-Zeit. Menschen aus aller Welt kommen für mehrere Wochen zusammen und helfen beim Unkraut zupfen, Streichen, Archivieren oder Ausgraben. Abends wird über Geschichte diskutiert, am Wochenende stehen Ausflüge auf dem Programm.

"Klar haben wir hier auch Spaß, wir tun schließlich etwas Sinnvolles", sagt die Spanierin Cupe und ergänzt: "Wir lachen auch, wir leben wir ja zum Glück in einer anderen Zeit und lachen ist wichtig." Die 21-Jährige mit der schwarz-umrandeten Brille studiert Germanistik und ist nach Ravensbrück gekommen, um die deutsche Geschichte besser zu begreifen. "Fast alle meine Freunde verbringen ihre Ferien am Strand, aber ich wollte gern hierher kommen - vor allem, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass so viele Menschen umgebracht wurden."

Plötzlich mit dem Schicksal Anderer konfrontiert

Cupe übersetzt spanische Gedenkschriften und Zeitungsartikel, die sich mit dem KZ Ravensbrück befassen. Neben ihr sitzt Kopaczyk, die Hände in den Kopf gestützt. Sie liest handschriftliche Briefe einer polnischen Frau, die in Ravensbrück inhaftiert war. In den 1960er Jahren schrieb sie an die Gedenkstätte, beklagte sich, dass ihr nicht geholfen wurde: Sie hatte Asthma, ihr Mann war erblindet. "Das Schicksal der Frau nimmt mich schon sehr mit."

Ein sehr symetrisches, tristes Gebäude hebt sich vor einem bewölkten Himmer ab.
Das Zentralgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrueck.

Für Alfons Kenkmann vom Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte ist das Engagement der jungen Erwachsenen ehrenwert. Sie unterstützen seiner Meinung nach die Arbeit in den Gedenkstätten, können aber vor allem etwas für sich selbst tun. "Für die Erfahrungsgeschichte der Jugendlichen hat das eine große Bedeutung." Eine enge pädagogische Betreuung der Camps sei wichtig - dann lohnten sie sich auch im internationalen Austausch. "Solche Treffen sind der Geschichtskitt für Europa", meint Kenkmann.

Geschichte lebendig halten

In Ravensbrück kommen in diesem Jahr sieben Workcamps zusammen. "Die Teilnehmer halten die Geschichte lebendig und tragen sie in die Welt hinaus", sagt Mitarbeiter Thomas Kunz. Nach der Wende kamen die ersten Freiwilligen, um auch unter archäologischer Leitung bei Grabungen zu helfen. Heute konzentriert sich die Arbeit vor allem auf das Archiv. Neben den Schriften umfasst das auch die Kranz-Schleifen, die Staaten, Regierungen, Verbände und Einzelpersonen in die Gedenkstätte schicken.

Cupe und Kopaczyk haben zum Beispiel eine rosafarbene Schleife vom Lesben- und Schwulenverband gerollt, mit einer Nummer versehen und in einem Karton verstaut. Auch ein Gedenkband vom Zentralrat der Juden, aus dem Berliner Abgeordnetenhaus und von Staaten wie Luxemburg, Griechenland und Kasachstan sind darunter. "Da sieht man die weltweite Bedeutung dieses Ortes", sagt die Polin Kopaczyk. Jedes Jahr kommen an den Gedenktagen Hunderte dieser Schleifen dazu; neue Arbeit für die Freiwilligen.

Von Anja Mia Neumann (dpa)

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