Das Trauma des Terrors
Es stand zu befürchten. Zu Beginn des Jahres ist aus dem gesellschaftlichen Meinungsaustausch in Deutschland noch mehr als ohnehin schon ein rücksichtsloser Schlagabtausch geworden. Angesichts einer immer deutlicher spürbaren Bedrohung durch tatsächliche oder vermutete Gewalttäter scheint eine nüchterne Debatte, in der Argumente ruhig gegeneinander abgewogen werden, ebenso aus der Mode gekommen zu sein wie eine Gesprächskultur, in der das bevorzugte Werkzeug der Auseinandersetzung nicht der verbale Holzhammer ist. Viele Bürger lassen sich in ihrer Meinungsbildung längst von keinen Tatsachen mehr bremsen und selbst viele Politiker haben in ihren Beurteilungen und mit ihren Forderungen mittlerweile eine Geschwindigkeit erreicht, die für jedes Denken uneinholbar geworden ist. Schon ein flüchtiger Blick in die sozialen Netzwerke verrät überdies, dass auch dort die feinen Fäden verbraucht sind und stattdessen vornehmlich auf ein grobes Mischgewebe aus Beleidigungen und Beschimpfungen zurückgegriffen wird.
Auslaufmodell tolerante Gesellschaft?
Fast sieht es damit so aus, als hätten die Herren des Terrors eines ihrer wesentlichen Ziele erreicht: Deutschland hat ein Stück seines Selbstbewusstseins und seines Zutrauens zu sich verloren. Ob wir die Herausforderungen des Terrorismus bewältigen werden, erscheint mittlerweile vielen fraglich. Die weltoffene und tolerante Gesellschaft, zu der wir uns entwickelt haben und auf die wir über Jahrzehnte hinweg stolz waren, wirkt plötzlich wie ein Auslaufmodell, dessen kaum noch funktionsfähige Reste nur noch zu einem Verscherbeln weit unter Wert taugen.
Hier ist nach meiner Meinung in zwei Richtungen gegenzusteuern. Zum einen gilt es in der Tat, einen Abbau grundgesetzlich garantierter Freiheiten abzuwehren, wie er sich in den Vorschlägen für ein neues nationales Sicherheitskonzept andeutet, die Innenminister Thomas de Maizière (CDU) zuletzt ins Gespräch brachte. Der selbst einer einst vor religiöser Verfolgung aus Frankreich geflohenen Hugenottenfamilie entstammende Politiker formuliert darin etwa zum Asylrecht, es "könnten ablehnende Asylbescheide unmittelbar vollzogen oder Bundesausreisezentren geschaffen werden, die den Ländern eine Verantwortungsübergabe für die letzten Tage oder Wochen des Aufenthalts von Ausreisepflichtigen ermöglicht."
Eine solche Sprache ist unter Ihrem Niveau, sehr verehrter Herr Minister! Sie entstammt den Amtsstuben einer Zeit, die wir längst hinter uns geglaubt hatten und verwendet mit Wortschöpfungen wie 'Ausreisezentren' gleichzeitig kaum erträgliche Beschönigungen für kaum erträgliche Einrichtungen. Die – nennen wir es beim Namen - Abgeschobenen werden von uns schließlich in Ländern abgesetzt, die für die Sicherheit und Unversehrtheit der gerade aus ihnen Geflohenen eine massive Bedrohung darstellen und die oft alles andere sind als die 'sicheren Herkunftsstaaten', als die um Wählerstimmen bangende Politiker sie gern bezeichnen.
Doch auch auf der anderen Seite der sprachlichen Demarkationslinie gilt es, achtsam zu sein. Wenn die Polizei zu Silvester anscheinend schwerpunktmäßig junge Männer nordafrikanischer Herkunft beobachtet und kontrolliert hat, ist diese als 'Racial profiling' gescholtene Maßnahme noch nicht unbedingt der Abschied aus jeder Bürgerrechtlichkeit. Selbst die Verwendung einer potentiell abwertenden Abkürzung wie 'Nafris' für Nordafrikaner mag zwar in der gegenwärtigen Situation dümmer sein, als es die Polizei sich selbst erlauben sollte, zweifelsfrei rassistisch ist sie nicht. Bazis und Amis grüßen hier ebenso freundlich in die Runde wie Ossis und Wessis, während als 'Bulle' bezeichnete Polizisten eher säuerlich am Rande stehen.
Die Flüchtlingskrise fordert Staat, Gesellschaft und Kirchen mit ganzer Kraft heraus. Auch die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich umfangreich in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Informationen dazu auf der Themenseite "Auf der Flucht".
Wir leiden, wie der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen es in einem Interview treffend diagnostizierte, gegenwärtig unter einer "symbolischen Überhitzung", bei der von Scharfmachern auf beiden Seiten mit einer bewussten "Eskalationsrhetorik" operiert werde. In dieser hoch emotionalisierten Situation plädiert er für eine Periode der Abkühlung, in der quasi ein Gegenstück zur postfaktischen Meinungsmache geschaffen werden könnte. Wer wie ich meint, dass unsere Gesellschaft es wert ist, gegen Hass und Hetze ebenso verteidigt zu werden wie gegen eine Politik, die Bürgerrechte dadurch zu verteidigen vorgibt, dass sie sie Schritt für Schritt verkleinert, steht hier in der Verantwortung. Nüchternheit gilt es gegen Panikmache zu setzen, Realismus gegen Pessimismus.
Die Kirche muss Stellung beziehen
Auch Deutschlands katholische Kirche mit ihren fast vierundzwanzig Millionen Mitgliedern muss vor diesem Hintergrund Stellung beziehen. Bisher ist ihr das in einer Deutlichkeit und Entschiedenheit gelungen, die den einen oder anderen überrascht haben mögen angesichts mancher medialer Ungeschicklichkeiten der Vergangenheit. Doch Bischöfe stehen nicht unter den Erfolgszwängen der Tagespolitik, ihre Stimmen könnten daher glaubwürdiger sein als die von Ministerpräsidenten, die in absehbarer Zeit Wiederwahl und Mehrheit zu sichern haben. Bleiben wir also optimistisch. Vielleicht lösen sich die Befürchtungen des Jahresanfangs ja doch wieder auf wie Wolken unter der Sonne: 2017 würde dann schön, aber nicht heiß.
Uwe Bork war Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR) und arbeitet jetzt als freier Journalist und Autor in Esslingen.