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Günther Jauch talkte zur Medienberichterstattung über Michael Schumacher

Der Hunger der Meute

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Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher.
Bonn - Sabine Kehm hat sich für ihren Auftritt bei "Günther Jauch" schick gemacht: In Jeans, eleganter weißer Bluse und einer trendigen Lederjacke sitzt sie in Jauchs rotem Talksessel. Es ist ihr erstes Fernsehinterview, seit Michael Schumacher nach seinem schwerem Ski-Unfall in Méribel Ende Dezember ins künstliche Koma versetzt wurde. Die Aussagen der Managerin und Pressesprecherin Schumachers treffen weltweit auf großes Interesse.

Natürlich dreht sich auch an diesem 13. April alles um den gesundheitlichen Zustand des Formel-1-Rekordweltmeisters. Wie geht es Schumacher? Bessert sich sein Zustand? Was passierte wirklich in der Universitätsklinik Grenoble, in der der 45-Jährige behandelt wird? Kehm beantwortet die ihr gestellten Fragen klar und direkt. Sie wirkt ausgeglichen und ausgeruht – dabei gehörten die vergangenen dreieinhalb Monate zu den kräftezehrendsten ihres Lebens.

"Schumi"-Schlagzeilen ohne Nachrichtenwert

Knapp 110 Tage liegt Michael Schumacher mittlerweile im künstlichen Koma. Seither ist kaum ein Tag ohne neue "Schumi"-Schlagzeilen vergangen. Der Haken an der Sache: Neuigkeiten gab es im Laufe dieser 110 Tage kaum. Dies wird noch einmal klar, als Kehm bei der Frage nach dem gesundheitlichen Zustand des Ex-Rennfahrers ihre Aussage wiederholt, die sie bereits in ihrem letzten schriftlichen Statement vom 4. April formulierte: Es gebe "sehr kleine" Fortschritte und "Momente der Bewusstheit und des Erwachens".

Günther Jauch
Günther Jauch ließ am Sonntag (03. Februar 2012) über kirchliches Arbeitsrecht diskutieren.

Dass in Bezug auf Schumachers Konstitution trotzdem fast täglich Berichte über den Äther laufen, wirft ein schlechtes Bild auf die Medien. Denn wo keine Neuigkeiten vorhanden sind, muss man diese entweder künstlich – durch wiederholtes Veröffentlichen alter Statements oder der Befragung alter Weggefährten – oder durch den Einsatz unlauterer Mittel schaffen. Beides ist im Falle Schumacher passiert.

So sah sich Kehm durch die Berichterstattung einiger Publikationen erst kürzlich genötigt, ihr Statement über Schumachers Zustand in der "Bild" zu erneuern. Bei "Günther Jauch" wiederholte sie diese Aussage nun zum zweiten Mal. Einschaltquoten und Klicks lassen sich trotz des fehlenden Mehrwerts dennoch erzielen, denn das Interesse am Rekordweltmeister ist nach wie vor ungebrochen.

Journalisten wollten auf die Intensivstation

Besonders schwer wiegt der Eingriff einiger Journalisten in die Privatsphäre der Familie. Kehm bestätigte in Jauchs Talkshow Medienberichte, wonach ein als Priester verkleideter Journalist versucht habe, zum Krankenzimmer des 45-Jährigen vorzudringen. Ein anderer Pressevertreter habe sich sogar als Schumachers Vater ausgegeben, um Zugang zur Intensivstation zu erhalten.

"Es gab viele abstruse Fälle von Personen, die auf die Intensivstation kommen wollten, um Fotos und Videos zu machen", erzählte Kehm. Auch zwei Angehörige anderer Patienten hatten vor zweieinhalb Wochen offenbar versucht, sich Zugang zum Krankenzimmer zu verschaffen, um ein Handyfoto von Schumacher zu schießen – sie sollen mit Geld bestochen worden sein.

So zynisch es klingt – der schwere Ski-Unfall des Ex-Rennfahrers lässt die Kassen der Medienunternehmen klingeln. 5,68 Millionen Interessierte schauten beispielsweise bei "Günther Jauch" zu, das entspricht einem Marktanteil von guten 19,4 Prozent. Auch die Online-Medien profitieren – allen voran der "Focus", der – wie übrigens auch im Steuerhinterziehungs-Prozess gegen Uli Hoeneß – eigens einen Liveticker einrichtete und damit durchgehend Top-Klickzahlen erreicht.

Ferndiagnosen von Medizinern

Nachdem die Informationslage über Schumachers Zustand in den vergangenen Wochen stagnierte, gingen die Publikationen dazu über, alte Weggefährten zum Thema zu befragen – zuletzt Jean Alesi, ebenfalls ehemaliger Formel-1-Pilot und Freund der Familie. Kehm kritisierte, dass es durch Aussagen außenstehender Personen "neue Berichterstattungen" gebe, "neue Interpretationen, die zum Teil an der Wirklichkeit vorbeigehen".

In Folge dessen entwickele sich eine "virtuelle Wirklichkeit, die mit der Realität nichts zu tun hat". Jede angebliche Neuigkeit über Schumachers Zustand ziehe "jedes Mal aufs Neue einen Kampf mit der Öffentlichkeit" mit sich. Besonders ärgerlich seien dabei die Ferndiagnosen von Medizinern gewesen, die sich von außen einschalteten, sagte Kehm.

Die ehemalige Journalistin kennt die Spielart der Medien. Sie weiß, zu welchen Zeitpunkten sie in die Öffentlichkeit gehen muss, um Spekulationen einzudämmen und die Familie des Formel-1-Rekordweltmeisters zu schützen.

Der Auftritt bei "Günther Jauch" war vielleicht ihr wichtigster in den vergangenen 110 Tagen. Geht es nach Kehm, war es auch ihr letzter. Auf die Schlussfrage Jauchs, ob sie die Öffentlichkeit auch zukünftig über wichtige Entwicklungen auf dem Laufenden halten werde, antwortete die 46-Jährige: "Unser Wunsch wäre schon, dass ab dem Moment, in dem Michael in eine Reha-Klinik gehen könnte, wir dann die mediale Begleitung unsererseits einstellen."

Von Martin Henning

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