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Jugendämter nehmen so viele gefährdete Kinder in Obhut wie nie

Der "Kevin-Effekt"

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Aufgenommen am Dienstag, 06.12.2011.
Bonn - Die Jugendämter greifen immer öfter ein: In 40.200 Fällen nahmen die Behörden im vergangenen Jahr Jugendliche in ihre Obhut, weil sie das Kindeswohl akut gefährdet sehen. Das teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mit. Die Zahl stieg im Vergleich zu 2011 um fünf Prozent, im Verhältnis zu 2007 um 43 Prozent.

Laut Peter Goike, Referent der Kinder- und Jugendhilfe der Caritas, ist das eine Folge dessen, was er den "Kevin-Effekt" nennt: "Nach einigen Skandalen in den vergangenen Jahren, in denen es zu Todesfällen kam, weil das Jugendamt vermeintlich oder nachweislich zu spät eingegriffen hat, sind die Jugendämter sensibler geworden." Kevin hatte im Oktober 2006 traurige Berühmtheit erlangt: Polizisten hatten den Jungen tot im Kühlschrank in der Wohnung seiner Eltern gefunden. Später wurde bekannt, dass es bereits seit zwei Jahren Hinweise gegeben hatte, dass der Zweijährige von seinen Eltern misshandelt wurde. Doch mit einem 2005 eingeführten Gesetz hätten die Jugendämter laut Goike ein gutes Werkzeug, um Kinder und Jugendliche zu schützen.

Ein Viertel der Jugendlichen kommt auf eigenen Wunsch

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes besagen, dass etwa ein Viertel der Jugendlichen auf eigenen Wunsch in einer Pflegefamilie oder einem Kinderheim unterkäme. In den anderen Fällen werden die Jugendämter nach Hinweisen von Polizei, Lehrern oder anderen Bezugspersonen, wie Trainer, Betreuer oder Nachbarn aktiv. In diesen Fällen müssen sich mindestens zwei Mitarbeiter des Jugendamtes vor Ort ein Bild der Situation machen und dann entscheiden, ob das Kind in der Familie bleiben kann oder nicht. Meist sind die Eltern mit ihren Kindern überfordert – sei es wegen eigener psychischer Probleme, oft auch durch Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Nur 40 Prozent der Jungen und Mädchen kehrten nach der Inobhutnahme zu den Sorgeberechtigten zurück.

Nach einigen Skandalen in den vergangenen Jahren, in denen es zu Todesfällen kam, weil das Jugendamt vermeintlich oder nachweislich zu spät eingegriffen hat, sind die Jugendämter sensibler geworden.

Peter Goike (Caritas)

Dass die Jugendämter sensibler in Sachen Gewalt und Kindesmissbrauch reagieren ist jedoch nicht der einzige Grund, warum immer mehr Kinder und Jugendliche in vom Jugendamt betreut werden. Auch die Zahl Minderjähriger, die unbegleitet in die Bundesrepublik einreisten, sei gestiegen. Im Vorjahr waren es demnach rund 4.800 Kinder und Jugendliche. 2007, fünf Jahre zuvor, lag die Zahl bei 900 Minderjährigen.

Flüchtlinge ohne Eltern

In Frankfurt am Main sind das vor allem Jugendliche aus Somalia und Afghanistan, sie kommen mit dem Flugzeug, mit Schleusern oder zu Fuß. "Manche haben Jahre der Flucht hinter sich", sagt Karin Vossmann vom Jugend- und Sozialamt. Viele wollten weiter nach Skandinavien, um ihr Glück zu suchen.

"Wir versuchen sie willkommen zu heißen, und viele sind sehr dankbar", sagt Vossmann. "Sie sind sehr interessiert daran, Deutsch zu lernen, einen Beruf zu ergreifen, um irgendwann selbstständig leben zu können." Allerdings seien auch viele so traumatisiert von den Erlebnissen in ihrem Heimatland und auf der Flucht, dass sie zunächst eine Therapie bräuchten.

Goike kritisiert in diesem Zusammenhang, dass jedes Bundesland eigene Kriterien hat, wie mit den Kindern und deren Eltern umgegangen wird. Er fordert, dass diesbezüglich einheitliche Regeln geschaffen werden, wann ein Kind aus einer Familie genommen und wie es anschließend untergebracht wird. (mir/dpa)

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