Der pflegende Sohn
Die Mutter von Lorenz heißt Rosie, sie lebt in ihrer zugemüllten Wohnung, ist einsam, trinkt zu viel und kippt just in dem Moment um, als sie im Fernsehen ein Interview mit ihrem Sohn verfolgt. Der Sohn muss anreisen, trotz Lesereise, und auch die Tochter, trotz Eheproblemen.
Der in Berlin lebende Schweizer Regisseur Marcel Gisler hat 14 Jahre lang keinen Film gemacht; dafür ist "Rosie" jetzt ein kleines, konzentriertes Meisterwerk. Drama, Komödie, Romanze, Familiengeschichte, Schauspielerfilm: "Rosie" ist alles und trotzdem nie zu viel. Gisler und sein langjähriger Co-Autor Rudolf Nadler vermeiden Abziehbilder; selbst kleinsten Nebenfiguren geben sie ein individuelles Gesicht. Etwa den Provinzjournalisten, der Lorenz interviewt und auf die erwartbare Frage nach Lorenz' Homosexualität eine ebenso kluge wie witzige Antwort bekommt. Oder den Ehemann von Lorenz' Schwester, den Rosie furchtbar langweilig findet – aber vielleicht ist er das ja gar nicht?
Parallelen zum Leben des Regisseurs
"Überspitzt könnte man sagen, dass 'Rosie' ein Porträt meiner Mutter ist", hat Gisler verlauten lassen. Er sei der erste in der Familie gewesen, der aufs Gymnasium ging und als 21-jähriger dann nach Berlin. Sein Vater war Amateurboxer, wie Lorenz' Vater im Film. Der ist zwar schon lange tot, spielt aber eine wichtige Rolle. Denn plötzlich rührt die resolute, raubeinige Mutter an ein sorgsam gewahrtes Familiengeheimnis, das, einmal auf dem Tisch, dem Film eine völlig neue Richtung gibt.
Die Kamera erzählt derweil eine eigene Geschichte. Schon in Gislers für lange Zeit "letzten" Film "De Fögi isch en Souhund" (1998) führte Sophie Maintigneux die Kamera. In "Rosie" zeigt sie manchmal alles und manchmal etwas anderes als das, worum es vordergründig, also dramaturgisch oder im Dialog, eigentlich geht. In den Szenen, in denen die Kamera hinschaut, gelingt im Verbund mit den tollen Hauptdarstellern Sibylle Brunner und Fabian Krüger und der nuancierten Inszenierung ein Blick, der eben nicht plakativ voyeuristisch ist:
Würde im Alter mit Witzen
Wenn Lorenz seine nach ihrem Unfall auf Pflege angewiesene Mutter in der Badewanne wäscht und sie dabei ihre sarkastischen Bemerkungen macht, dann liegt darin kein Sozialdrama und keine simple Botschaft. Ein Sohn wäscht seine alte Mutter, ihm kommt das komisch vor, ihr auch, also machen sie Witze. Dass es um Würde im Alter geht, transportiert sich ganz nebenbei. Im Wegschauen wird ebenso viel erzählt wie im Hinschauen. So schweift die Kamera über die Bewohner des Pflegeheimes und fasst auf diese Weise anschaulich Rosies Gefühle zusammen.
Um Rosie dreht sich zwar der Film, wie der Titel nahelegt. Der Blick des Zuschauers aber ist derjenige von Lorenz. Immer wieder fährt er von Berlin in die Schweiz. Die Autobahnfahrten markieren die einzelnen Erzählabschnitte, sie zeigen wie der Wechsel der Jahreszeiten an, wie viel Zeit vergangen ist.
Universaler Familienroman
Es ist aufregend, Lorenz' Auseinandersetzung mit seiner Familie und seiner Familiengeschichte zu folgen; die langsame Selbsterkenntnis unter neuen Vorzeichen nachzuvollziehen. Vielleicht kann sich Lorenz sogar wieder verlieben, in jemanden, der noch nicht so verkorkst ist wie er. Obwohl oder gerade weil es sich um eine so spezifische Geschichte handelt, spricht der Regisseur und Autor ständig Universales an.
"Rosie" entwickelt die Soghaftigkeit eines Familienromans, die 106 Minuten, die der Film dauert, sind fast zu kurz. Es wäre sehr zu hoffen, dass bis zu Marcel Gislers nächstem Film nicht wieder 14 Jahre vergehen.
Von Julia Teichmann
Ein homosexueller Schriftsteller, der in Berlin lebt und seine Familie in der Schweiz längst hinter sich gelassen hat, sieht sich nach einem Sturz seiner alten Mutter gezwungen, sich um sie zu kümmern. Die Wiederbegegnung mit ihr und seiner Schwester setzt einen langsamen Prozess der Selbsterkenntnis in Gang. Ein wunderbar einfacher und doch vielschichtiger filmischer "Familienroman", der das Allgemeingültige im sehr Persönlichen findet und elegant zwischen Drama, Komödie und Romanze balanciert. Sehenswert ab 14.
Der obige Text wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".