Der Preis der Forschung
Begonnen hatte die Debatte, nachdem der damalige EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, John Dalli, im Juli 2012 den Entwurf für die neue Verordnung vorstellt hatte: Um zu verhindern, dass die Arzneimittelforschung in Europa geschwächt werde, sollte das im Vergleich zu anderen Erdteilen komplizierte Genehmigungsverfahren für Arzneimitteltests vereinfacht werden. Westliche Pharmaunternehmen hatten zuvor klinische Prüfungen nach Afrika, Asien und Lateinamerika verlagert, da sie dort einfacher durchzuführen waren.
Breite Kritik an Plänen der EU-Kommission
Sowohl bei EU-Parlamentariern als auch beim Bundestag und der Bundesärztekammer waren die Pläne jedoch auf Kritik gestoßen. Einhellig hatten die Institutionen einen mangelnden Patientenschutz moniert. Unter anderem war in dem Entwurf auf die Vorgabe verzichtet worden, geplante Forschungsvorhaben vor Studienbeginn einer unabhängigen Ethikkommission zur Beratung vorzulegen.
Gegenüber katholisch.de brachte auch der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, der Mitglied im Ethikrat ist, seine Skepsis bezüglich der Pläne zum Ausdruck. "Es wäre eine großes Problem, wenn die Schutzstandards bei den Medikamententests an Menschen abgesenkt werden", so Losinger.
Der Ethikrat stellt seine heutige Tagung unter die Überschrift "Medizinischer Fortschritt auf wessen Kosten? Arzneimittelforschung im globalen Kontext". Im Programm dazu heißt es, medizinischer Fortschritt sei nicht möglich, ohne dass neue Arzneimittel und Therapien am Menschen erprobt würden. Es gebe jedoch ein "Spannungsfeld" zwischen dem Wunsch nach Fortschritt einerseits und dem Schutz der Probanden andererseits, das fortwährend ethische Fragen aufwerfe – so auch in Bezug auf den Entwurf der EU-Verordnung.
Losinger: Keine Ausbeutung
Auch über die ethischen Standards bei Medikamententests in Schwellenländern und Dritte-Welt-Ländern wollen die Teilnehmer diskutieren. Weihbischof Losinger sieht hier eine ganz konkrete Gefahr: "Es darf nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer Armut unter Druck geraten, an Medikamententests teilzunehmen", fordert er. Besonders gefährdet seien Menschen, die in Ländern mit einer hohen Armutsquote lebten, in denen auch eine ausgeprägte Pharmaindustrie angesiedelt sei. Ein Beispiel für sei Indien. Es dürfe nicht zu einer "Ausbeutung" der Menschen kommen, so Losinger wörtlich.
Als wichtige ethische Standards, die bei Arzneimitteltests auch außerhalb der EU eingehalten werden müssten, nannte Losinger eine gesundheitliche Vor- und Nachsorge sowie eine medizinische Versorgung und Versicherung, falls nach Tests eine weitere medizinische Behandlung nötig würde.
Auf der Tagung des Ethikrats sind auch Wissenschaftler aus Indien zu Gast, die über ethische Standards in der Arzneimittelforschung in Indien und anderen in Entwicklungs- und Schwellenländern referieren. (gho/KNA)