Suche
Ein terminbepackter Tag mit dem Nürnberger Christkind

Der schönste Nahkampf

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Nürnberg - Ihr Herrn und Frau'n, die Ihr einst Kinder wart, Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt, ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt: Hört alle zu, was Euch das Christkind sagt!" - Eine Weihnachtsfeier und endlich ist sie da, der Rauschgoldengel mit blonder Lockenperücke und goldenem Gewand: Teresa Treuheit, das Nürnberger Christkind. Andächtig und gespannt lauschen die rund 120 Mitarbeiter in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung dem Prolog.

Mit diesen Worten wird jedes Jahr einer der ältesten und sicherlich der berühmteste Weihnachtsmarkt der Welt auch eröffnet. Eine gute Dreiviertelstunde, unzählige Schnappschüsse, Handküsse, stürmische Umarmungen und vorsichtige Berührungen später entschwebt Teresa Treuheit wieder und hinterlässt berührte Menschen, denen sie mit ihrem Besuch sichtlich eine große vorweihnachtliche Freude bereitet hat. Ihr Auftritt dort ist Termin Nummer drei an diesem Tag, vier weitere werden noch folgen. Die besinnliche Adventszeit ist für das Nürnberger Christkind alles andere als eine "stade Zeit".

175 Termine, bis zu zehn am Tag, stehen bei der 19-jährigen Nürnbergerin als Christkind in den vier Adventswochen im Kalender, ohne Unterbrechung oder Verschnaufpause. Vor 21 Uhr ist sie selten zu Hause. Bei Tageslicht ist sie dort vor Weihnachten so gut wie nie anzutreffen. Ein straffes Programm. Um fit zu bleiben, trinkt sie täglich Ingwertee, frisch gepresste Obstsäfte und einen Powerdrink aus der Apotheke, ein Geschenk von Freunden. "Im vergangenen Jahr half mir das, alle Termine wahrnehmen zu können", sagt sie.

Die Besuche von Teresa Treuheit führen sie zu karitativen und sozialen Einrichtungen sowie auf Weihnachtsmärkte. Unternehmen werden vom Christkind dagegen nicht angeflogen.

Ein zusätzlicher Stressfaktor fällt in diesem Jahr weg: Im Gegensatz zu ihrer ersten Amtszeit – jedes Nürnberger Christkind übernimmt diese Aufgabe für zwei Jahre – stehen nun nicht auch noch zusätzlich die Abiturprüfungen vor der Tür. "Das entspannt die Situation für mich natürlich schon sehr", sagt Teresa Treuheit. "Im letzten Jahr hatte ich während der gesamten Zeit den ganzen Unterrichtsstoff im Hinterkopf, den ich im Anschluss nachzuholen hatte." Denn an einen regulären Schulbesuch ist für das Nürnberger Christkind im gesamten Dezember nicht zu denken.

Begegnungen, die unter die Haut gehen

Vielmehr ist Teresa Treuheit bereits seit Mitte November vor allem bei zahlreichen Medien aus dem In- und Ausland für Interviews heiß begehrt. Vom Unterricht ist die jeweilige Amtsträgerin aus diesem Grund offiziell befreiet. Deshalb gehört zu den Eigenschaften, die das Christkind mitbringen muss, neben der Tatsache, in Nürnberg wohnen, eine gewisse Mindestgröße, keine Berührungsängste sondern vielmehr Spaß am Umgang mit den verschiedensten Menschen haben zu müssen, auch, sich eine solche Auszeit in schulischer Hinsicht leisten zu können.

Ständig im Mittelpunkt zu stehen, den ganzen Tag von anderen Menschen umgeben zu sein, nie das strahlende Christkindlächeln zu verlieren, auch wenn man selbst vielleicht von Kopfschmerzen geplagt wird - anstrengend sei das manchmal schon. "Aber die Freude, die ich als Christkind ganz offensichtlich anderen Menschen bringe, ist das Schönste, was man erleben kann", sagt Teresa Treuheit. Den Beweis tritt sie keine dreißig Minuten nachdem sie die Weihnachtsfeier in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung verlassen hat aufs Neue an.

Beim Besuch eines Alten- und Pflegeheimes zaubert alleine ihre Anwesenheit den Bewohnern ein Lächeln aufs Gesicht. Dass sie zudem für jeden noch einen handgefertigten goldenen Fröbelstern als kleines Geschenk dabei hat, sorgt bei manchem für feuchte Augen. Gerade bei älteren Menschen sind es Erinnerungen an die eigene Kindheit, wie diese selbst an der Hand der eigenen Eltern dem Prolog bei der Eröffnung des Christkindlesmarktes gelauscht haben, die wieder ins Gedächtnis rücken, wenn das Nürnberger Christkind auftritt. Es sind diese Momente, die den ganzen Stress vergessen lassen und ihr besonders viel Freude bereiten.

Als Christkind macht Teresa Treuheit nicht nur unzählige Menschen glücklich, sie erlebt darüber hinaus auch Situationen, die sie traurig und nachdenklich stimmen. "Gerade Termine in Obdachlosenheimen oder Begegnungen mit an Demenz erkrankten Senioren gehen mir schon sehr nahe", sagt sie. Auch der erste Besuch an diesem Montag im Advent war einer, der Teresa Treuheit unter die Haut ging. Auf einer Kinderkrebsstation machte sie mit einer Weihnachtsgeschichte aus ihrem goldenen Buch den tristen Krankenhausalltag und vielleicht auch die Krankheit für die kleinen Patienten einen Moment lang vergessen oder zumindest besser ertragbar. Sie selbst wird an diesen Termin aber noch einige Zeit zu knabbern haben, da ist sich Teresa Treuheit sicher.

"Natürlich machen mich solche Begegnungen sehr traurig, aber ich versuche dann einfach, mich so gut es geht zusammenzureißen", sagt sie. Zeit, um sich wirklich damit auseinanderzusetzen, bleibt ihr ohnehin kaum. Die Menschen beim Folgetermin freuen sich bereits auf das Christkind, diese möchte Teresa Treuheit auf keinen Fall enttäuschen. Es muss weitergehen. Sie selbst steckt dabei zurück, vorerst. "Erst an den Weihnachtsfeiertagen, wenn der ganze Trubel vorbei ist, komme ich dazu, mir wirklich Gedanken darüber zu machen, was ich in der Zeit zuvor alles erlebt habe", sagt sie.

Kleinbus oder fliegen?

Gespräche mit ihrer Familie helfen ihr dabei, die Erlebnisse zu verarbeiten. Auch bei den Einsätzen selbst begleiten sie ihre Mutter, ihr Vater oder ihr Bruder wann immer es geht. Und dann ist da noch Susanne Randel, die Christkindbetreuerin der Stadt Nürnberg. Sie koordiniert nicht nur die Vielzahl an Terminen, sondern hat immer auch ein offenes Ohr, wenn ihr Schützling nach solch schwierigen Terminen Redebedarf hat. Die kurze Gelegenheit dafür bleibt oft nur, wenn das für Christkinds Ohren magische Geräusch der sich schließenden Schiebetür ihres "Schlittens" erklingt.

Das Christkind beim 1. FC Nürnberg: Im Gespräch mit den Stadionsprechern geht ihr letzer Termin des Tages zu Ende.

In ihrem neuzeitlichen Fortbewegungsmittel – ein Kleinbus der städtischen Verkehrsbetriebe nebst eigenem Chauffeur bringt das Christkind seit 16 Jahren sicher und pünktlich von Termin zu Termin – bleibt kurz Zeit, um durchzuatmen, die Füße hochzulegen oder schnell eine Brezel zu essen. Eine wirkliche Mittagspause ist dem Christkind dagegen nur selten vergönnt; der eng getaktete Terminplan lässt dafür keine Zeit. Schließlich sind es an die 3.000 Kilometer, die Teresa Treuheit bis zum 24. Dezember zurückgelegt haben wird. Ihre Besuche führen sie zu karitativen und sozialen Einrichtungen sowie anderen Weihnachtsmärkten in ganz Nordbayern aber auch bis in die Gegend um Osnabrück. Jedes Jahr zwei Weihnachtsmärkte, so ist es mittlerweile Tradition, besucht das Nürnberger Christkind auch dort.

Die Fortbewegung ist jedoch auch in anderer Hinsicht eine der größten Herausforderungen für Teresa Treuheit. "Die Kinder möchten natürlich immer von mir wissen, ob ich fliegen kann und wie ich hergekommen bin", sagt sie. "Dafür habe ich mir eine eigene Geschichte zurecht gelegt: Ich sage immer, dass ich nur in der Dunkelheit fliege, wenn mich niemand sehen kann, weil sich letztes Jahr ein Junge das Bein gebrochen hat, als er mir hinterhergesehen und deshalb nicht auf den Weg geachtet hat und ich das natürlich nicht nochmal möchte."

Christkind kann man nicht spielen

Zufriedengestellt von dieser Erklärung kann sich des Christkinds größte Fangemeinde auch beim vorletzten Termin des Tages wieder voll und ganz darauf konzentrieren, aus dem Staunen nicht herauszukommen und seine Wünsche loszuwerden. Der Rundgang auf dem Weihnachtsmarkt in der Nachbarstadt Erlangen ist Nahkampf pur. Jeder will Teresa Treuheit anfassen und ein gemeinsames Foto mit ihr. Von allen Seiten wird gerufen und gezupft. Die Ruhe und ihre Freundlichkeit behält sie trotzdem. Dass sie das echte Christkind ist, daran zweifelt ob ihres Auftretens keines der Kinder. Und auch viele Erwachsene, die bereits viele andere Christkinder erlebt haben, sind voll und ganz von ihr überzeugt. Christkind, so sagen viele, könne man nicht spielen, das müsse man ein großes Stück weit einfach sein.

Bei Teresa Treuheit gewinnt man schnell den Eindruck, dass dem so ist. Auch zwölf Stunden nach ihrem Dienstbeginn sieht man der sympathischen jungen Frau mit dem immerwährenden Strahlen im Gesicht die Freude an ihrem Amt noch genauso an, wie beim ersten Termin am Morgen in der Kinderklinik. In der Halbzeitpause des Fußballspiels zwischen dem 1. FC Nürnberg und 1860 München vor mehr als 30.000 Zuschauern ein kurzer Plausch mit dem Stadionsprecher, nach Abpfiff noch Posieren für das Fotoalbum, dann hat auch das Christkind für heute Feierabend. Fast. Ein kurzer Blick in die Wunschzettel, die ihr über den Tag verteilt zugesteckt wurden, darf am Ende des Tages natürlich nicht fehlen. Neben materiellen Wünschen, wie den neusten Handys oder Computerspielen liest sie häufig auch den Satz: "Ich wünsche mir, dass meine Eltern in Zukunft mehr Zeit für mich haben."

Von Michael Kniess

kna-katholisch-swarm-node3 (0.014s)