"Die Angst hat uns nicht"
Bundespräsident Joachim Gauck ruft angesichts des Terrors in der Welt zu mehr Vertrauen in Staat und Gesellschaft auf. Zugleich mahnt er in seiner Weihnachtsansprache mehr Augenmaß in der politischen Auseinandersetzung an. "Dieses Land verdient das Vertrauen seiner Bürger. Auch gegenwärtig, da es mit ungelösten Problemen ringt", sagte das Staatsoberhaupt: "Die vielen Toten und Verletzten auf einem Berliner Weihnachtsmarkt haben uns zutiefst erschreckt und verstört".
Wir spürten die Angst, aber die Angst habe uns nicht, sagte Gauck. Der Terror habe aber nicht nur zu Wut, Zorn und dem Gefühl von Angst und Ohnmacht geführt; "wir sind vielmehr zusammengerückt als Gemeinschaft derer, die die Mitmenschlichkeit verteidigen", sagte er in seiner letzten Weihnachtsansprache aus dem Schloss Bellevue. Diese wird am ersten Weihnachtstag um 19.08 Uhr von ARD und ZDF ausgestrahlt. Der Text wurde vorab veröffentlicht.
Wir spüren die Angst - aber: Die Angst hat uns nicht. Wir spüren die Ohnmacht - aber: Die Ohnmacht hat uns nicht. Wir spüren die Wut - aber: Die Wut hat uns nicht.
Joachim Gauck
Gauck rief zu einem menschlichen Miteinander auf und warnte vor dem Schüren von Feindbildern. Zusammenrücken bedeute aber nicht, auf politische Auseinandersetzungen zu verzichten, betonte er und nannte als Beispiel die Flüchtlingspolitik. "Aber gerade in Zeiten terroristischer Attacken sollten wir die Gräben in unserer Gesellschaft nicht vertiefen, weder Gruppen pauschal zu Verdächtigen noch Politiker pauschal zu Schuldigen erklären", mahnte der Bundespräsident: "Wir sollten das Augenmaß bewahren und die Achtung vor dem politischen Gegner. Und wir sollten uns gerade in diesen Tagen besinnen auf das, was Weihnachten ausmacht und über die Christen hinaus Teil unserer Kultur geworden ist."
Christliche Botschaft: Begegnung mit der Liebe Gottes
Die christliche Weihnachtsbotschaft sage: "In dem Menschen Jesus begegnet uns die Liebe Gottes. Beziehen wir diese Botschaft auf uns, so kann sie uns inspirieren, empfindsam, zugewandt und hilfsbereit zu leben", so der Bundespräsident. Dann könnten sich Wut und Zorn "in Kräfte verwandeln, die dem Hass, der Gewalt und der Verachtung des Anderen wehren. Dann bleibt unsere Gesellschaft ein Ort des solidarischen Miteinanders."
Festliche Gottesdienste an zwei aufeinander folgenden Tagen, die Krippe, der geschmückte Baum und natürlich Geschenke: So aufwendig wie Weihnachten wird kein anderes Fest im Kirchenjahr gefeiert. Das hat natürlich einen Grund.
Gauck erinnerte dabei an Augenzeugen des Anschlags von Berlin, "die sofort zu den sterbenden und verletzten Menschen eilten, um zu helfen und Gefahr für sich selbst nicht scheuten". Und er verwies auf Begegnungen mit Menschen, "die unser Land durch eigenes Wirken bewohnbarer, die es verlässlich, vertrauenswürdig machen - im Beruf oder in der Freizeit, in der Familie oder im Ehrenamt". Als Beispiele nannte er etwa Krankenschwestern, Lehrer, Soldatinnen und Polizisten, engagierte Gewerkschafter und verantwortungsbewusste Unternehmer, Sozialarbeiterinnen und Quartiersmanager und alle, die dem Recht Geltung verschafften.
Abschließend verwies er auf die Verheißung der Weihnachtsgeschichte vom "Frieden auf Erden". Dieses Wort vom Frieden "sucht unseren Mut, unsere Verantwortungsbereitschaft, auch unsere Weisheit und unsere Fähigkeit, Mitmensch zu sein. Denn wir wissen: Friede auf Erden will erst noch werden", so das Staatsoberhaupt. (luk/KNA/dpa)