Die Buchmesse als Zeichen der Zeit
Am Dienstag dieser Woche wurde in der "Harmony Hall" der Frankfurter Messe vor 2.200 Zuschauern, mit gewohnt großem Bahnhof, hochrangigen Gästen und eindrücklicher Videoanimation die diesjährige Buchmesse eröffnet.
Schon der leidenschaftliche Appell des indischen Dissidenten Salman Rushdie gegen die Unterdrückung von Minderheiten und für Rede- und Meinungsfreiheit am Vormittag gab den Ton vor, der auch in den Ansprachen am Abend nicht verklang: Die katholische Kulturstaatsministerin, die Vertreter des Gastlandes Indonesien und die Organisatoren der weltweit größten Medienmesse wiesen auf die brisante weltpolitische Lage hin. Grenzen würden nicht fallen, wie Ende des letzten Jahrhunderts erhofft, sondern neu errichtet.
Millionen von Flüchtlingen auch in Deutschland zwingen uns, nicht weiter wegzuschauen, Religion wird so ebenfalls zu einem unausweichlichen Thema. Auch die Vokabel "Barmherzigkeit" fiel mehrfach. Mittendrin: das Buch als Medium der Verständigung, denn: "Wer den andern kennt, wer von ihm oder über ihn gelesen hat, der hat keine Angst vor ihm, sondern reicht ihm die Hand zu Austausch und Hilfe."
Die Anlässe für solche Apelle sind traurig, ja katastrophal, aber selten sind historische Ereignisse das nicht. Also gilt für die Kirchen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, oder besser: zu erkennen, dass sie dies längst tun, ohne groß Aufhebens davon zu machen.
Ohne die christlichen Wohlfahrtsverbände wäre die professionell organisierte haupt- und ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Deutschland längst zusammengebrochen. Die Kirchen haben – von ihrer eigenen Leitung oft unbeachtet – größte interreligiöse Kompetenz auch im Dialog mit dem Islam entwickelt und genießen das Vertrauen derjenigen, die andernorts noch kritisch beäugt werden. In den nächsten Monaten, nach nicht zuletzt von den christlichen Bildungswerken organisierten Deutschkursen werden 325.000 Schülerinnen und Schüler muslimischen und christlichen Glaubens neu in unsere Schulen kommen. Das interreligiöse Miteinander von Christen und Muslimen in den Schulen und Kommunen will gestaltet werden.
Salman Rushdie sagte am Dienstag "Wir Menschen sind sprechende Tiere, wir erzählen und das macht uns aus". Auf dieser Basis werden wir uns viele Geschichten zu erzählen haben, live in den Schulen, in den Gemeinden aber auch analog und digital vermittelt. Die beiden christlichen Kirchen sind für diesen Dialog- und Transformationsprozess besser gerüstet als manch andere gesellschaftliche Institution. Sie müssen nur erkennen, dass marginalisierte Felder wie Caritas und interreligiöser Dialog seit diesem Herbst unausweichlich zu ihrem Kerngeschäft gehören.
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