Die eigene Filterblase durchbrochen
Knapp 100 Tage nach dem Amtsantritt von Donald Trump haben viele Journalisten in Deutschland immer noch nicht begriffen, warum er gewählt wurde und was das bedeutet. Man tröstet sich damit, dass er in Umfragen nur noch 42 Prozent Zustimmung hat. Und auf Titeln des "Spiegel" wird Trump in Grafiken gerne mal mit den blutrünstigen IS-Terroristen oder mit dem Tyrannen Kim Jong Un gleichgesetzt.
Die Medien in den USA sind da einen Schritt weiter. Sie haben begonnen Trump und die Menschen, die ihn gewählt haben, ernst zu nehmen. Den Anfang hat die linksliberale New York Times gemacht, als sie sich bei ihren Lesern dafür entschuldigte, dass sie die politische Stimmung im Lande verkannt und viele irrige Analysen und Vorhersagen abgeliefert hat. Es folgten Leitartikel, in denen Journalisten und Politikwissenschaftler darüber debattierten, wie es zu einer solch verzerrten Wahrnehmung kommen konnte.
Zu einer Erklärung gehört, dass nicht nur die "neue Rechte", sondern auch die politisch-mediale Klasse teilweise in abgeschotteten Filterblasen und Echokammern lebt. Fast schon erschrocken stellte man fest, dass in der Hauptstadt Washington 90,9 Prozent der Wähler für Hillary Clinton gestimmt haben, in Manhattan 87,2 und in Los Angeles 71,8 Prozent. Ähnlich homogene Milieus, die eine freie Debatte und einen unverstellten Blick massiv erschweren, gab es auch für Trump. Das aber fast nur in ländlichen Gebieten – und da leben halt kaum meinungsbildende Politiker, Journalisten und Schauspieler.
In den USA setzen sich die Eliten inzwischen mit der eigenen Filterblase kritisch auseinander und nehmen die Wirklichkeit jenseits der Blase neu in den Blick. Das Sachbuch "Coming Apart", in dem der Soziologe Charles Murray schon 2012 das Bedrohungsgefühl der weißen Mittelklasse beschrieb, oder die "Hillbilly Elegy", die dasselbe Thema 2016 literarisch erfasst hat, wurden Bestseller und Thema von Universitäts-Vorlesungen. Und in Fernsehtalkshows wird über die Frage debattiert, ob die meisten Journalisten zu „linkslastig“ und vorurteilsbehaftet sind. All dies sind bruchstückhafte Eindrücke, die ich auf meiner jüngsten USA-Reise gewonnen habe. Mir scheint, dass dort die Fähigkeit der Medien zur Selbstkritik weiter gediehen ist als hierzulande. Und dass zumindest einige helle Köpfe versuchen, den neuen Rechtspopulismus und seine Ursachen zu verstehen - und nicht bloß seine Anhänger zu verdammen.
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