Die gelähmte Stadt
Mahane-Jehuda-Markt am Mittag: "Sonst ist es um diese Zeit rappelvoll", sagt David von "Käse Baschar". Der Laden ist eine Institution und für europäische Käsesorten Monopolist in der Stadt. Schlangestehen muss heute keiner der Kunden: In den engen Gassen herrscht trotz Stoßzeit gähnende Leere. Um ein Viertel ist das Geschäft in dieser Woche eingebrochen, schätzt David - im Käseladen wie im dazugehörigen Restaurant.
25 Prozent weniger Kunden, "wie schon während des Gazakriegs", bestätigt Restaurantbesitzer Manou Saadia. An diesem Mittag ist es genau ein Gast. Auf dem jüdischen Markt spürt man die Anspannung. "Die Einheimischen kommen nicht mehr, auch die Touristen haben Angst vor einer Ausweitung der Gewalt", sagt der libanesischstämmige Jude. Wer jetzt noch kommt, sind "die arabischen Marktarbeiter und jene, die aus Solidarität kommen".
Besonders im Osten der Stadt ist die Lage kompliziert
Die Haltestelle am Rathaus, ein paar Stunden früher: Leere Strassen statt des üblichen Berufsverkehrs. Polizeiwagen prägen das Bild. Fahrgäste stehen an der Station nur wenige. "Die Lage ist kompliziert, insbesondere im Osten der Stadt", sagt Mor Azulai und spricht von Straßensperren und eingeschränkter Bewegungsfreiheit. "Weniger Menschen nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel, sie haben Angst", sagt junge Soldat aus dem Süden des Landes. "Ich persönlich fürchte mich nicht." Mor Azulai schultert sein Gewehr, steigt in die Straßenbahn, Fahrtrichtung West.
Nach Osten will niemand. Mit jeder Station in Richtung der arabischen Viertel werden es weniger Fahrgäste, bis Schuafat sind es mehr Sicherheitskräfte als zivile Reisende. Bis in die frühen Morgenstunden hat es hier gekracht, sagt Mohammed, ein Taxifahrer. Jetzt stehen alle paar Meter Polizisten. Viele Geschäfte sind geschlossen.
Die Polizeipräsenz wiegt schwer auf den Palästinensern, sagt Ladenbesitzer Alaa Liftawi. Bei "diesen Attentaten und all dieser Wut" hat er "kein gutes Gefühl". Ausweiskontrollen, Durchsuchungen und Beleidigungen sind seither Alltag. Parksünder werden drastisch bestraft. Nachts lassen die palästinensischen Jugendlichen ihrem Ärger freien Lauf. Tagsüber erzählen die Verwüstungen an Schuafats Haltestelle die Geschichten der Nacht. "Wir lieben die Bahn", sagt Alaa Liftawi, "sie ist gut für uns alle, Muslime und Juden!" Jetzt hat er Angst, als Araber angegriffen zu werden.
Mit Angst in der Straßenbahn
Pisgat Zeev, später Vormittag: "So wenig Fahrgäste wie heute gab es die ganze Woche nicht", sagt ein Mitarbeiter des Verkehrsministeriums. Die ganze Stadt, sagt er, "leidet unter der Situation". Jüdische Fahrgäste weichen auf Busse aus, "weil die nicht durch die arabischen Viertel fahren. Die Menschen haben Angst, besonders nachts, da ist es am schlimmsten."
Anina ist gehbehindert. Sie kann nicht auf den Bus umsteigen, versucht, so wenig wie möglich rauszugehen. Muss sie trotzdem die Straßenbahn nehmen, fährt auch die Angst mit, "trotz der vielen Sicherheitsleute überall".
Die Straßenbahn rollt westwärts. Zusteigende Fahrgäste werden misstrauisch gescannt. Ansonsten herrscht auf der Fahrt ins jüdische Stadtzentrum unorientalische Stille. Laut hörbar hingegen ist der Palästinenser, der seine Tochter im Kindergartenalter mit einem Spiel bei Laune hält: "Ich sehe was, was du nicht sieht, und das ist Polizei." Den beiden israelischen Soldaten in der Reihe vor ihnen ist sichtlich unwohl. Ihre Alarmbereitschaft lässt erst nach, als Vater und Tochter eine Haltestelle hinter dem Rathaus die Bahn verlassen.
Ruhig ist es den Tag über geblieben, sagen die beiden arabischen Kaffeeverkäufer vor dem Dung-Tor zur Altstadt. Über dem Kidrontal neigt sich langsam die Wintersonne. "Heute Nacht", sagt einer mit Kopfnicken in Richtung Silwan, "geht's wieder los."
Von Andrea Krogmann (KNA)