"Die Welt endet nicht am Gartenzaun"
Die Welt ist nicht irgendwo da draußen, sondern steckt in jeder Faser der neuen Winterjacke, die in Bangladesch eingefärbt wurde und so schön vor Wind und Wetter schützt. Wer per Whatsapp chattet, nutzt ein Smartphone das - in Einzelteilen betrachtet - um die Welt gegangen ist, bis es schließlich in die Hände des Verbrauchers gelangt.
Dass ein Mobiltelefon im Produktionsprozess nicht nur glückliche Menschen, faire Bedingungen und eine saubere Umwelt hinterlässt, ist bekannt. Und doch ist es leicht, die Verantwortung, die daraus erwächst, zu vergessen. Genau diesem gemütlichen Wegschauen will die Caritas 2014 einen Strich durch die Rechnung machen.
"Am anderen Ende sitzen Menschen"
Caritas-Präsident Peter Neher sagt zum Kampagnenauftakt in Berlin: "Unser Verhalten in den reichen Ländern wirkt sich auf die Lebensbedingungen in armen Ländern aus. Wir wollen dafür sensibilisieren, dass jeder Einzelne durch seine Entscheidungen dazu beitragen kann, die Welt sozialer und gerechter zu machen."
Wie Ariane Piper aus Berlin. Die Studentin engagiert sich als ehrenamtliche Upcyclerin (Wiederaufbereiterin) im Projekt "Vergissmeinnicht". Sie nimmt sich einen Altkleidersack vor und schneidert aus ausgedienten Herrensakkos Kleider, aus alten Jeans Taschen, aus alten Mänteln Herrensakkos… Warum sie das tut? "Wer sich einmal mit Produktionsbedingungen auseinandergesetzt hat, muss sich einfach weiter kritisch mit dem Thema beschäftigen."
Bei einer Reise zu den Produktionsstätten in Bangladesch ist ihr erst richtig bewusst geworden: "Am anderen Ende sitzen Menschen." Ihr sei klar, dass man nicht hundertprozentig nachhaltig leben kann. Aber: "Wir als Verbraucher spielen eine wichtige Rolle im großen Spiel der Globalisierung und können Macht ausüben, so dass die Textilketten es zu spüren bekommen und anfangen umzudenken."
"Make a difference - make a bag" Aus nicht mehr gebrauchten Kleidungsstücken werden fantasievolle Stofftaschen:Bis zum 15. April 2014 können Schulklassen, Jugendgruppen, Einrichtungen und Einzelpersonen bundesweit Taschen für den Wettbewerb der youngcaritas Berlin einreichen.
Große Themen bei der diesjährigen Kampagne
Nachhaltiger Konsum ist nur eines von vier thematischen Schwergewichten, die die Caritas bei ihrer diesjährigen Kampagne in den Ring schickt. Auf der Agenda stehen auch Klimawandel, Flucht und Vertreibung sowie die Zuwanderungspolitik. Der Verband zeigt auf, wie alles miteinander vernetzt ist und einander bedingt - und was jeder Einzelne tun kann.
Beispiel Klimaschutz: Einmal wöchentlich Spaghetti Napoli statt Bolognese führe, wenn alle Haushalte der USA, Großbritanniens, Spaniens und Brasiliens mitmachten, zu 900.000 Tonnen weniger Methanausstoß. Was den gleichen Effekt habe, als würde man 3,7 Millionen Autos für ein Jahr von der Straße nehmen. Weniger Fleisch essen, die Umwelt schonen, lautet denn auch der Caritas-Rat.
Apropos: Dass auch Missverständnisse weiterbringen können, zeigt eine Neuerung bei der Caritas Hagen. Während die Leiterin der Sozialen Dienste vom Gremium "Caritasrat" sprach, verstand eine Kollegin "Caritasrad" und war gleich Feuer und Flamme. Heute stehen vier E-Bikes in der Geschäftsstelle - für Außentermine.
Bedingungen für Arbeitsmigranten verbessern
"Globale Nachbarn" - unter diesem Motto nimmt die Caritas auch Menschen in den Blick, die buchstäblich Nachbarn werden, weil sie als Flüchtlinge oder zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Etwa als Pflegekräfte. Viele pflegebedürftige Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause leben. Die meisten Familien können diese Aufgabe jedoch nicht alleine bewältigen. Sie sind auf Unterstützung angewiesen, oftmals von Frauen aus Osteuropa.
Etwa 100.000 solcher Pflegerinnen sind ohne geregelte Arbeitszeiten oder Sozialversicherung in deutschen Privathaushalten beschäftigt. "Diese Frauen sind für die Angehörigen hier eine große Entlastung, werden aber von den eigenen Kindern schmerzlich vermisst", sagt Caritas-Präsident Neher und kritisiert. "Die Politik hat auf diese Fragen noch keine Antworten gefunden und lässt die Betroffenen mit der Situation alleine."
Das Heimweh kann die Caritas den Frauen nicht nehmen. Dennoch versucht sie in Paderborn mit ihrem Angebot "Caritas 24 – zuhause gut betreut" pflegebedürftige Menschen und ausländische Arbeitskräfte gleichermaßen zu unterstützen. Der polnische Caritasverband schult Frauen in Polen und bereitet sie auf ihre Tätigkeit vor. In Deutschland arbeiten sie unter fairen und sicheren Bedingungen und werden von einer Caritas-Sozialstation unterstützt.
Menschenrechte müssen für alle gelten
Ob ein globaler Nachbar im Gästezimmer schläft oder auf der anderen Seite der Erde seine Habseligkeiten nach einer Naturkatastrophe zusammensammelt - ob er als Flüchtling in Friedland ankommt oder unter gefährlichen Bedingungen dafür sorgt, dass der deutsche Verbraucher technisch immer auf dem letzten Stand ist: Menschenrechte müssen für alle gelten.
Daran erinnert die Caritaskampagne und daran, dass jeder Deutsche die Verantwortung dafür trägt. Oder, wie Caritas-Präsident Neher sagt: "In einer globalisierten Welt endet die Nachbarschaft nicht am eigenen Gartenzaun."
Von Janina Mogendorf