Die wichtigste Ressource ist der Mensch
Ein großes Plus der Treffen der G8 liegt außerhalb des Konferenzraumes. Nichtregierungsorganisationen, Hilfswerke, Verbände und Kirchen nutzen die Zeit rund um den Gipfel, um die Stimme zu erheben, Forderungen zu stellen und Kritik vorzubringen. Und in der Welle der Berichterstattung werden ihre Appelle von Öffentlichkeit stärker wahrgenommen als im Jahresverlauf.
In diesem Jahr steht der nicht enden wollende Bürgerkrieg in Syrien auf der Tagesordnung des zweitägigen Treffens. Die Gipfelrunde will zudem Maßnahmen im Kampf gegen Steuerflucht sowie Handelsfragen beraten. Es wird erwartet, dass die USA und die Europäische Union den Beginn von Verhandlungen über eine Freihandelszone verkünden. Das wäre ein Meilenstein in den Beziehungen der beiden größten Handelsblöcke der Erde.
Brief vom Papst
Ein Tag vor Beginn des G8-Gipfels hatte Papst Franziskus die Teilnehmer zu entscheidenden Schritten gegen Armut und Gewalt aufgerufen. Sie sollten ihren gemeinsamen Kampf gegen die Geißel des Hungers verstärken, schrieb der Papst an den gastgebenden britischen Premierminister David Cameron in einem Brief, den der Vatikan am Sonntag veröffentlichte.
Er hoffe, dass das Treffen zu einem schnellen Waffenstillstand im syrischen Bürgerkrieg und zum Beginn von Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien beitragen werde, schrieb er. Zudem forderte der Papst ethische Richtlinien für die Wirtschaft.
Der Mensch sei "nicht einfach ein weiterer ökonomischer Faktor oder ein verfügbares Gut", sondern besitze "ein Wesen und eine Würde, die nicht auf wirtschaftliche Kalkulation reduziert werden können". Jeder einzelne Mensch müsse im Mittelpunkt von Wirtschaft und Politik stehen, da er die "wahrhaftigste und tiefste Ressource" sei.
Die Bischöfe hatten sich bereits am vergangenen Dienstag mit einem ähnlichen Appell an die Spitzen aus Deutschland, den USA, Japan, Großbritannien, Kanada, Frankreich Italien und Russland gewandt. Von den Gipfelteilnehmern forderten sie in einem gemeinsamen Brief Schritte hin zu einer gerechten Ordnung des internationalen Finanzwesens.
Unterzeichnet ist das Schreiben von den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der USA, Kanadas, Großbritanniens, Irlands, Japans, Russlands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands sowie vom Münchner Kardinal Reinhard Marx für die EU-Bischofskommission COMECE.
Ethik muss die Wirtschaft leiten
Die Deutsche Kommission Justitia et Pax hatte bereits im Frühjahr eine Offenlegung der wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen gefordert. Ethik müsse die Wirtschaft und die internationale Finanzordnung anleiten, dazu seien Transparenz und Wahrhaftigkeit eine Voraussetzung. Für die weltweite Gerechtigkeit sei es essentiell, dass die Entwicklungsländer in den Informations- und Datenaustausch über Kapitaleinkünfte einbezogen werden.
Mit Blick auf Syrien, äußerte Geschäftsführerin Gertrud Casel die Hoffnung, dass die avisierte internationale Konferenz in Genf im Juli 2013 tatsächlich eine Chance erhalte. "Der UN-Sicherheitsrat muss eine gemeinsame Position und die Internationale Gemeinschaft eine gemeinsame Haltung finden, darin liegt der Weg zur Lösung", so Casel. Waffenlieferungen verschärften die Konfliktdynamik, die Eskalation der Gewalt und in Syrien jetzt die Gefahr des "Stellvertreterkrieges".
Forderungen der Verbände
Die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision rief unterdessen zu mehr Engagement beim Kampf gegen den Syrienkonflikt auf. "Wie lange wollt Ihr Euch noch ansehen, dass Kinder gezielt getötet und gefoltert werden und Erwachsene sie zwingen, sich den Kämpfen zu beteiligen?", so der Experte für Friedensförderung bei World Vision Deutschland, Ekkehard Forberg. "Es reicht! Wenn Euch die Aufrufe der Hilfsorganisationen nicht interessieren, hört wenigstens auf die Stimmen der Kinder. Stoppt den Krieg in Syrien!", fügte Forberg hinzu.
"Wir brauchen dringender denn je eine politische Lösung, kein Aufrüsten der Konfliktparteien", sagte "Aktion Deutschland Hilft"-Geschäftsführerin Manuela Roßbach am Montag in Bonn. Anlässlich des Beginns des G8-Gipfels forderte die Organisation die Regierungschefs zu mehr humanitärer Hilfe und finanzieller Unterstützung für Syrien auf.
Die Hilfsorganisation Care Deutschland-Luxemburg forderte eine gezieltere Unterstützung für Kleinbauern in Entwicklungsländern. Derzeit litten 870 Millionen Menschen weltweit an Hunger; drei Viertel seien Kleinbauern, erklärte die Organisation am Freitag in Bonn. Die größten Industrieländer der Welt müssten Vorreiter im Kampf gegen den Hunger sein.
Das katholische Hilfswerk Misereor sieht in diesem Zusammenhang vor allem die New Alliance for Food Security and Nutrition (G8NA) der G8 mit großer Skepsis. Bei der Allianz gehe es darum, dass afrikanische Staaten sich zu weitreichenden Reformen in der Agrar- und Ernährungsindustrie verpflichten, in der Hoffnung private Investoren zu finden und Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zu schaffen. Tatsächlich könnten aber gerade diese Reformen für Kleinbauern gefährlich werden, weil sie damit die Kontrolle über ihre Ressourcen verlören. Und das, obwohl ein nachhaltiges Ernährungssystem in Afrika auf kleinbäuerlichen Familienbetrieben aufbauen müsse. Die Bundesregierung solle sich aus diesem Grund nicht weiter an der G8NA beteiligen, fordert das Hilfswerk.
(mog/kna/dpa)