Doch nur eine Frau
Trotz ihres kurzen Lebens, Boulanger wurde nur 24 Jahre alt, hat sie eine bemerkenswerte Anzahl an Kompositionen hinterlassen – Chor-, Orchester-, und Vokalmusik. Für den Dirigenten Igor Markevitch ist sie sogar die größte Komponistin aller Zeiten.
Lili Boulanger wurde heute vor 120 Jahren, am 21. August 1893, in eine Musikerfamilie hineingeboren. Ihre Mutter Raissa war Sängerin, ihr Vater Ernest Komponist; ihre ältere Schwester Nadia hat sich ebenfalls als Komponistin versucht, gab jedoch auf und arbeitete später als Musikpädagogin und Dirigentin. Resigniert sagte sie: "Ich hatte kein Talent; meine Schwester Lili, das war die Komponistin!" Doch schon früh kränkelte sie: Ob sie nun unter einer chronischen Bronchialpneumonie oder Morbus Chron litt, ist umstritten. Fest steht jedoch, dass sie eine sehr gebrechliche Person war, die immer wieder Auftritte wegen akuter Krankheit absagen oder abbrechen musste.
In die Fußstapfen ihres Vaters
Mit 16 Jahren beschloss Boulanger in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Ein ungewöhnlicher Schritt, schließlich war sie "doch nur eine Frau". So schrieb jedenfalls die französische Fachzeitschrift "Le ménestrel" im Juli 1913, kurz nachdem sie den renommierten "Prix de Rome" gewann, der ihr unter anderem ein Stipendium für die Villa Medici in Rom einbrachte. Sie war die erste Frau, die diese Auszeichnung gewann. Ein Jahr zuvor hatte sie den Wettbewerb noch vorzeitig beenden müssen – wegen Krankheit.
Die ganze Familie war sehr religiös geprägt. Eine Religiosität, die sich zwar nicht konfessionell ausdrückte, aber sehr spirituell war
Freia Hoffmann, Musikwissenschaftlerin
Ihr Studienjahr in Rom musste Boulanger vorzeitig abbrechen, der Erste Weltkrieg kam ihren Plänen dazwischen. Daraufhin engagierte sie sich, gemeinsam mit ihrer Schwester Nadia, in einer Art sozialem Netzwerk, das französische Soldaten und deren Familien unterstützte. Sie starb am 15. März 1918 in Mézy-sur-Seine.
Eindrucksvolle Kirchenmusik
Die Psalmen 24 (Die Erde gehört dem Ewigen), 129 (Sie haben mich viel bedrängt) und 130 (Aus tiefer Not schrei ich zu Dir) sind neben Faustus et Hélène, das Stück mit dem sie den Prix du Rome gewann, ihre wichtigsten Werke. "Die ganze Familie war sehr religiös geprägt. Eine Religiosität, die sich zwar nicht konfessionell ausdrückte, aber sehr spirituell war", erklärt Freia Hoffmann, Musikwissenschaftlerin an der Universität Oldenburg, im WDR-Zeitzeichen. Sie beschreibt die drei Psalmen als „sehr eindrucksvolles Werk, wo Boulanger sehr souverän demonstriert, wie sie mit Orchester, Instrumentation, Chor, Orgel und Solostimmen umzugehen weiß“.
Nach 1920 wurden ihre Werke nur noch selten aufgeführt. Zu Unrecht, meint Hoffmann. Schließlich gilt Boulanger gemeinsam mit Claude Debussy und Arthur Honegger zu den bedeutendsten Impressionisten des Jahrhunderts. Und der Musikwissenschaftler Jacques Chayer sagte 1982 über die Komponistin: "Der Fall Boulanger ist einzigartig in der Musikgeschichte. Schubert wurde nur 31, Mozart war 35, Purcel 37 Jahre alt. Doch niemand schaffte es, mit 24 Jahren ein Werk mit der Bedeutung der drei Psalmen zu komponieren."
Von Michael Richmann