Ein doppeltes Missverständnis
Es gibt eine merkwürdige Debatte, die seit der so genannten Flüchtlingskrise schwelt und sich nun bis in den Bundestagswahlkampf zieht. Es geht darum, wie und in welcher Weise sich "die Kirche" politisch äußern und einbringen soll. Höhepunkt des Diskurses war eine Äußerung des CSU-Chefs Horst Seehofer, die Kirchen sollten sich zurückhalten. Dagegen sprach sich etwa der CSU-Vize Manfred Weber aus, ganz im Gegenteil müssten die Kirchen aktive Teilnehmer am politischen und gesellschaftlichen Leben sein. Unlängst trat CDU-Vordenker und Debatten-Profi Jens Spahn hervor, der die Kirchen zur Zurückhaltung mahnte. Sie sollten weniger zur Sozialpolitik Stellung beziehen, wohl aber selbstbewusst gegenüber dem Islam auftreten. Im Übrigen: Mehr Glaubensvermittlung, weniger Tagespolitik.
Dem ganzen liegt ein doppeltes Missverständnis zugrunde, das davon zeugt, wie stark Entkirchlichung und Glaubensverlust voranschreiten. Wer "die Kirche" vor allem durch von Pressestellen versendete Bischofsäußerungen wahrnimmt, der schrumpft Glauben und Kirche gesellschaftlich auf die Größe eines Heimatvereins oder besser gesagt: Er nimmt Kirche nur noch als eine diplomatische Vertretung eines anderen Sterns wahr. Das ist besonders absurd, da ja gerade Spahn, Weber, Seehofer und viele andere deutsche Politiker Mitglieder dieses Clubs sind. Natürlich müssen Bischöfe dann auch eine andere Meinung vertreten dürfen als man selbst, etwa bei der "Ehe für alle".
Das zweite Missverständnis ist eines, was mit Ursache und Wirkung zu tun hat. Vor 40 Jahren hätte man ja gerade das Engagement dieser Katholiken in der Politik als kirchliches (!) Agieren verstanden. Ihr seid Kirche, muss man ihnen also zurufen! Unnötig hier die entsprechenden Stellen aus "Gaudium et spes" zu zitieren. Wenn Spahn sich wünscht, dass sichtbar werden möge, "wie sehr Kirche und Glaube unseren Alltag, unsere Kultur prägen", dann weist er die Erfüllung dieses Wunsches nun gerade den Falschen zu. Vielmehr müsste dies natürlich auch durch Christen in der Politik deutlich werden. Zu glauben "die Kirche" könne "Orientierung" in Glaubensdingen liefern, aber sich von der Politik fernhalten, ist eben nicht das, was mit Christentum gemeint ist. Spahn weiß das bestimmt, denn er kommt aus der katholischen Jugendarbeit.
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