Ein großes Zeichen von zu wenigen
Im Süden Burgunds finden sich viele romanische Dorfkirchen, liebevoll gepflegte Gotteshäuser mit beeindruckenden Steinmetzarbeiten und wunderbarer Ausstrahlung. Und dann stocke ich beim Besuch. In nicht wenigen der Kirchen, noch in entlegenen Dörfern hängen Plakate am Portal. "Alerte Attentat", heißt es da groß, "Attentats-Warnung". Cartoon-artige Empfehlungen erläutern, wie man sich im Terror-Fall bis zur Ankunft von Sicherheitskräften zu verhalten habe: wegrennen, verstecken, andere warnen, Türen verbarrikadieren. Frankreich, die älteste Tochter Roms, im Jahr 2017.
Die Erinnerung geht an jenen 26. Juli 2016, an dem im nordfranzösischen Saint-Etienne-du-Rouvray der 85-jährige Pere Jacques Hamel von zwei Schergen des "Islamischen Staates" bei der Feier der Messe ermordet wurde. Eine Tat von unfassbarer Grausamkeit. Das Seligsprechungsverfahren für den Geistlichen läuft bereits.
An diesem Montag kam Besuch nach Saint-Etienne-du-Rouvray. Der "Marsch der Imame", der tags zuvor in Berlin auf dem Breitscheidplatz gestartet war, gedachte des Toten. Es ist ein großes Zeichen, dass sich an die 60 liberale Imame überwiegend aus französischsprachigen Ländern gegen den Terror stellen. Sie setzen einen Kontrapunkt gegen die Stimmung in Mitteleuropa. Und viele warten auf solche Signale.
In Berlin nahm die Pressekonferenz der Imame eine durchaus dramatische Wendung. Da berichtete Hocine Drouiche aus Nimes, Vizepräsident der Konferenz der Imame in Frankreichs, von den Risiken dieser Reise. Aus der muslimischen Gemeinde heraus seien er und seine Familie wegen ihrer liberalen Haltung bedroht worden. Einige der beteiligten Imame würden ihre Arbeit verlieren, weil sie sich positionierten. "Die Mehrheit der Muslime akzeptiert unsere Haltung nicht", sagte Drouiche einem Journalisten.
Ein Marsch als Gratwanderung. Um so mehr verdienen die Imame, die in dieser Woche in Berlin und Brüssel, Toulouse, Nizza und Paris sind, Respekt und Anerkennung. Es braucht diese Zeichen. Es braucht sie bitter notwendig und öfter als einmal. Denn der Weg wird weit sein, bis an Frankreichs Kirchen keine Warnungen mehr hängen. Und bis in Taize, diesem Symbol-Ort des Friedens für die christliche Jugend Europas, an den Eingängen zur Versöhnungskirche nicht mehr die Taschen kontrolliert werden.
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