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Ein paar Minuten für den Krieg

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Bonn - Die Sirenen heulen, Menschen sind in Panik – jetzt muss alles schnell gehen: Die Hamas hat aus dem Gaza-Streifen Raketen abgefeuert; es bleiben nur noch wenige Sekunden. Krachend schlägt die Rakete ein. Danach ist es still. In den Abendnachrichten berichten Jörg Armbruster und Uli Gack live aus Israel.

Sie erklären, wer wen warum beschossen hat und wie der jeweilige Gegner reagiert – Jörg Armbruster in den "Tagesthemen", Uli Gack im "heute-Journal". In den vergangenen Tagen starben dort etwa 140 Menschen.

Auch im Jemen und in Nigeria wurden in dieser Woche Menschen getötet; gleiches gilt für Indonesien und Kolumbien. Die Bundeszentrale für politische Bildung zählte im letzten Jahr 37 Kriege und Gewaltkonflikte – viele davon wurden weitgehend ungeachtet von den großen Nachrichten-Stationen in abgelegenen Regionen ausgefochten. Woran liegt das?

Technik ist kein Problem

Bernd Blöbaum ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität Münster. Er beschreibt vor allem drei Kriterien, nach denen Nachrichtenmacher ihre Themen auswählen: Ist das Publikum daran interessiert? Sind kompetente Leute vor Ort? Gibt es starke Bilder, die den Konflikt illustrieren? Blöbaum ist sich sicher, dass die Infrastruktur in einem Land eine eher untergeordnete Rolle spielt: "Technisch ist das heutzutage kein Problem mehr: Mit digitaler Satelliten-Technik kann man auch aus der entlegensten Gegend eine Live-Schalte machen." Er bemängelt jedoch, dass immer weniger Korrespondenten immer größere Gebiete abdecken müssten: "Journalisten, die ganz schnell irgendwo hinfliegen und sich auf dem Weg in ein Thema einarbeiten, können ja gar nicht über das nötige Detail-Wissen verfügen, um einen Konflikt ausreichend zu erklären." Vor diesem Hintergrund und den damit verbundenen Reisekosten sei es nur logisch, dass die Sender viele Konflikte gar nicht auf dem Schirm hätten.

Zudem bemängelt Blöbaum, dass die Sender ihre Korrespondenten alle an den gleichen Orten haben, wodurch viele Nachrichten-Sendungen relativ uniform daherkämen. Einen großen Fehler im System könne er dennoch nicht erkennen, "das einzige, was ich schade finde, ist, dass es potenziell schwieriger wird, über viele Konflikte ausführlich zu berichten, weil die Korrespondenten-Büros zurückgefahren werden."

15 Minuten für Politik und Wirtschaft

Dies möchte Thomas Baumann nicht auf sich sitzen lassen. Der Chefredakteur der ARD verteidigt die Themenauswahl seines Senders: "Ich möchte ganz klar zurückweisen, dass uns der Nahe Osten wichtiger ist, als beispielsweise Afrika." Auch er habe generell nichts dagegen, noch mehr Krisen und Konflikte in seinen Sendungen abzubilden, er verweist allerdings auf den begrenzten Raum: "Wie eine Tageszeitung nur rund 10 Seiten für politische und Wirtschaftsberichterstattung hat, haben wir nur 15 Minuten Sendezeit. Dass da auch was hinten runter fällt, ist völlig normal. Das darf man auch kritisch hinterfragen."

Oftmals habe ein Chef vom Dienst sechs Themen, die alle die gleiche Relevanz haben; er könne aber nur vier davon bringen. "Die entscheidende Frage ist dann: Können wir unsere Auswahl journalistisch begründen?". Nach welchen Kriterien die ARD ihre Themen auswählt, macht Baumann am Beispiel Israel deutlich: "Natürlich spielt da auch die deutsche Nähe zu Israel eine Rolle. Aber auch die deutschen Interessen; Angela Merkel hat ja erst kürzlich gesagt, dass Israels Sicherheit Teil der deutschen Staatsräson sei."

Zusammenhang zwischen Bildern und Spendenbereitschaft

Ob ein Konflikt in den Abendnachrichten auftaucht oder nicht, hat nicht nur Einfluss auf die Informationslage der Bürger. Ralph Allgaier, Pressesprecher der Hilfsorganisation Misereor, ist überzeugt, dass sich die Fernsehpräsenz eines Konflikts auf auch das Spendenverhalten der Menschen auswirkt: "Das kann man am Beispiel Syrien gut erkennen. Der Nahe Osten ist ja schon seit Jahren in den Medien. Und als dann Hunderttausende fliehen mussten und die ersten Bilder von den Flüchtlingslagern um die Welt gingen, war das Spendenaufkommen um einiges höher, als beispielsweise im Kongo."

Christoph Klitsch-Ott leitet das Referat für Afrika und den Nahen Osten von Caritas international. Auch seine Organisation kümmert sich um die Auswirkungen von Krieg: Hunger, Flucht und Vertreibung. Er bestätigt, dass Bilder von Flüchtlingen und notleidenden Menschen die Zuschauer ansprechen und an ihre Empathie appellieren. Trotz solcher Bilder seien nur wenige bereit, sich finanziell in den Kriegsgebieten zu engagieren. Bei Naturkatastrophen spendeten die Menschen viel schneller Geld: "Das hat zwei Gründe: Zum einen gibt es bei Erdbeben oder Hochwasser immer unschuldige Opfer. Zum anderen ist der Einsatz der Mittel auch begrenzt. Bei Bürgerkriegen, deren Ursprünge teilweise Jahrzehnte zurückliegen, weiß in der Regel keiner, wer da gegen wen kämpft. In den Nachrichten hört man dann immer, dass irgendwelche Rebellen irgendwelche Städte eingenommen haben – das ist für die Menschen nicht wirklich greifbar. Viele haben auch Angst, mit ihrem Geld eine der Bürgerkriegsparteien zu unterstützen."

Sowohl Christoph Klitsch-Ott als auch Ralph Allgaier haben Verständnis dafür, dass Fernsehnachrichten nicht in der Lage sind, die ganze Welt abzubilden. Beide kennen das Phänomen, dass mit der Aufmerksamkeit der Fernsehsender die Spendeneinnahmen steigen und die Welle wieder verebbt, sobald sich die Fernsehkameras einem neuen Ereignis zuwenden. Und mit dem Schwenk der Kameras verschiebt sich auch der Fokus der Zuschauer. Allgaier: "Wir haben heute Zugriff auf so viele Informationen überall auf der Welt, so viele Bilder von Leid und Elend – irgendwann fühlt sich der Zuschauer damit auch überfrachtet."

Vom Michael Richmann

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