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Bundeskanzlerin Merkel macht am Wochenende Politik auf dem Jakobsweg

Ein quasireligiöser Akt

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Die Kathedrale von Santiago de Compostela.
Berlin - Im Bonner "Haus der Geschichte" wird die Strickjacke aufbewahrt, die Helmut Kohl bei jenem historischen Treffen mit Michail Gorbatschow trug, bei dem die beiden 1990 im Kaukausus die deutsche Einheit besiegelten. Spätestens seitdem sind solche eher hemdsärmeligen Begegnungen zu einem Instrument staatsmännischer Rhetorik geworden. Barbecue bei George W. Bush, Saumagen beim Kanzler: Seht her, hier verstehen sich zwei so gut, dass sie selbst ihr Privates für den anderen öffnen.

An diesem Sonntag fand eine derartige Zusammenkunft auf dem Jakobsweg statt: Bundeskanzlerin Angela Merkel traf sich mit Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy in Santiago de Compostela, Endpunkt des berühmten Wallfahrtsweges und Geburtsort von Rajoy. Dort wollten die beiden Politiker per pedes ein kleines Stück des Wegs gemeinsam zurücklegen. Für Montag ist dann ein Besuch der Kathedrale geplant. Ob aus diesem Grund auch das "Botafumeiro", das riesige Weihrauchfass zur Reinigung von Pilgerdüften, geschwenkt wird, ist nicht bekannt.

Seit laut Überlieferung der Einsiedlermönch Pelagius, wohl im Juli 813, auf dem "Sternenfeld" (Compostela) im damaligen Bistum Iria Flavia die Gebeine des Apostels Jakobus entdeckte, ist Sankt Jakob/Santiago Anziehungsort für Pilger aus dem ganzen Kontinent - wenn man so will ein Sinnbild und Katalysator der europäischen Einigung.

Ein quasireligiöser Akt für das christliche Profil

Die Botschaft, gemeinsam auf dem Weg zu sein, ist für Merkel nicht nur in der europäischen Dimension glücklich gewählt. Auch in die eigene Partei sendet die CDU-Politikerin damit ein Signal: Seht her, unser "C" spiegelt sich auch in der Tagespolitik. Gerade erst hat der langjährige baden-württembergische Ministerpräsident und Parteigrande Erwin Teufel die derzeitige Familien- und Rentenpolitik der Christdemokraten kritisiert. Viele in der Partei sorgen sich um das eigene christliche Profil innerhalb der großen Koalition. Da kommt ein quasireligiöser Akt, der zudem noch höchst zeitgeistig und populär ist, gerade recht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel währen einer Pressekonferenz am 11. Februar 2013.
Bundeskanzlerin Angela Merkel währen einer Pressekonferenz am 11. Februar 2013.

Der Jakobsweg, ein Netz von Straßen und Wegen, die seit dem Mittelalter Pilger vom Baltikum über Polen, Deutschland, die Schweiz und schließlich Frankreich zum angeblichen Apostelgrab in Nordspanien führten, ist "in". Seit 1982 Papst Johannes Paul II. und 1987 der Europarat zur Wiederbelebung der Jakobswege aufriefen, hat auf dem ganzen Kontinent eine Renaissance dieser "europäischen Kulturbewegung" eingesetzt, wie die von Jahr zu Jahr steigende Zahl von Pilgern belegt. In Deutschland löste der Komiker Hape Kerkeling durch sein 2006 erschienenes Buch "Ich bin dann mal weg" einen regelrechten Boom aus.

"Ultreia! - Vorwärts, immer weiter!"

Allein im vergangenen Jahr bekamen rund 215.000 "echte" Pilger die offizielle Urkunde ausgehändigt. Die erhält nämlich nicht jeder der ungezählten Santiago-Touristen, die per PKW, Bus, Bahn oder Flugzeug anreisen: Dazu muss man mindestens die letzten 100 Kilometer bis Santiago gewandert oder geritten sein oder die letzten 200 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt haben. Ob das E-Bike als neuer Freizeittrend ebenfalls gleichberechtigt gilt, harrt noch einer Entscheidung.

Der Kanzlerin wird der Kurztrip auf dem "Camino" also nicht zu einer Urkunde verhelfen. Aber es geht ja wohl auch mehr um das Zeichen - das genaue Gegenteil von "Sie ist dann mal weg". "Ultreia!", so lautet seit altersher der Pilgergruß auf dem Jakobsweg: "vorwärts, immer weiter!"

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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