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Ein Dezember-Restaurant für Bedürftige in Leipzig

Ein Restaurant für die Armen

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Eine Frau mittleren Alters, mit kurzen Haaren steht im großen Saal ihres Restaurants. Im Hintergrund tummeln sich unscharf die Gäste.
Leipzig - Die Dämmerung beginnt früh an diesem Dezembernachmittag. Die alte Kantine der Leipziger Stadtwerke steht im Süden der Stadt in einem alten Gewerbe- und Industriegebiet. Aus der Falttür fällt kaltes Neonlicht in den ansonsten unbeleuchteten Speisesaal. Töpfe klappern. Die Großküche hinter der Falttür wirkt wie aus einer anderen Zeit: weiße Kacheln, der Fliesenboden an einigen Stellen mit Beton geflickt, Arbeitstische aus Aluminium, die noch aus DDR-Zeiten stammen, dazwischen zwei moderne Großküchen-Kessel aus Edelstahl.

Ein Mann mit weißem Bart fischt eine Nudel aus dem Kessel, prüft, schließt den Deckel. Auf dem Herd daneben rührt er weiter in einem großen Topf voll Spinat. "Die Nudeln sind al dente", ruft eine kleine blonde Frau. Sie hat lustige Augen und schon ein paar Falten. "Eine Minute brauchen sie noch", ruft der Bärtige zurück.

Mutter der Kompanie

Sabine Glinkowski ist hier die Chefin, Bernhard Döllessen, der Mann mit dem Bart, ist ehrenamtlich da. "Ja, den ganzen Dezember", sagt Döllessen. Fünf bis sechs Stunden täglich, vom 6. Dezember bis zum 6. Januar, hilft er hier in der Küche des "Restaurant der Herzen". 250 bis 300 Essen kochen und verteilen die Ehrenamtlichen hier täglich, berichtet Sabine Glinkowski. Die 63-Jährige ist vom Fach, hat Köchin gelernt und lange bei den Leipziger Stadtwerken in der Kantine gearbeitet. Beim "Restaurant der Herzen" hat sie zuerst ehrenamtlich mitgemacht.

Seit 2007 ist sie die einzige Hauptamtliche des Leipziger Vereins, "Objektleiterin" ist ihr etwas bürokratisch klingender Titel, "Mutter der Kompanie" wäre passender. Dabei sind es gleich zwei verschiedene "Kompanien", um die sie sich kümmert. Einmal sind es die vielen Ehrenamtlichen, die sie koordiniert. Dann sind es die Bedürftigen, die gerade draußen vor der Tür warten, dass sie hinein dürfen in die alte Stadtwerke-Kantine. Sabine Glinkowski kennt ihre Leute. Sie hat für jeden ein gutes Wort, hört zu, spricht Mut zu, gibt Tipps, hilft manchen sogar bei Ämtergängen. Einige kommen schon seit Jahren hierher, andere sind auf der Durchreise.

Ein Frau mittleren Alters steht an einem Metall-Kessel, der mit kochendem Nudelwasser gefüllt ist.
Sabine Glinkowski prüft in der Küche des „Restaurant der Herzen“, ob die Nudeln gar sind.

Martin K. ist einer von ihnen. Seinen echten Namen will er nicht sagen, auch ein Foto müsse nicht sein. Der 42-Jährige hat die vergangene Nacht in einem Abrisshaus verbracht. Dunkle Locken, Brille, Motorradjacke. Der gelernte Schuhmacher und Betonfacharbeiter erfüllt die gängigen Obdachlosen-Klischees. Er ist erst vor vier Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden.

"Wegen Betruges hab' ich eingesessen", erzählt Martin K. mit einem unüberhörbar schwäbischen Dialekt. Für das warme Essen hier im "Restaurant der Herzen" ist er dankbar. "Ich hab' meine Anlaufpunkte. Das ist wichtig", sagt Martin K. und erklärt, wie man in Nächten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt draußen überlebt. "Ich hab einen Schlafsack und darüber noch einen Bundeswehrschlafsack". Für einen Kumpel besorgt er heute bei Sabine Glinkowski noch einen weiteren Schlafsack. "Da kommst Du nachher zu mir", sagt sie, als sie vom Tisch aufsteht und Martin K. zuzwinkert.

Leben, das Spuren hinterlässt

Um Martin K. sitzen etwa 150 Menschen. Eine gepflegt wirkende ältere Dame, eine Frau mit ihrer erwachsenen behinderten Tochter, Menschen, bei denen die Drogensucht Spuren hinterlassen hat, eine Schwangere mit ihren vier Kindern, Rentner, Männer, die am Nachmittag schon zu tief ins Glas geschaut haben, Jugendliche, eine Familie mit zwei Kindern. Am Tisch an der Falttür, gleich neben der Küche, sitzen sieben Männer und eine Frau. Die Kleidung ist nicht frisch, die Blicke glasig, einige riechen, als hätten sie sich längere Zeit nicht mehr gewaschen. Fällt die Hilfe da nicht manchmal schwer? "Nein", sagt Sabine Glinkowski und strahlt dabei.

Ein Mann mit Bart rührt in einem etwa halbvollen Kochtopf mit Spinat.
Bernhard Döllessen kocht ehrenamtlich im "Restaurant der Herzen" in Leipzig.

Bedient werden die Bedürftigen heute von Mitarbeitern des Leipziger Jobcenters. Die Kellner wechseln täglich. "Wir sind bis 2014 ausgebucht", erzählt Sabine Glinkowski. Mitarbeiter von Firmen, Behörden, Ehrenamtliche aus Vereinen kommen, um hier zu helfen. Einen Nachmittag lang bedienen sie die Armen. Die 15 Mitarbeiter der Arbeitsagentur kennen einen Teil der Menschen, die hierher kommen. "Dennoch ist das hier etwas anderes als unsere tägliche Arbeit", sagt Hermann Leistner, der den Einsatz der Arbeitsagenturmitarbeiter seit Jahren koordiniert. "Es ist schon vorgekommen, dass einige meinten, wir wollen sie verhöhnen", sagt Leistner und erklärt den schwierigen Drahtseilakt, den er und seine Kollegen hier in ihrer Freizeit wagen.

"Als unsere Kunden haben viele der Menschen das Gefühl, dass wir ihnen das Leben schwermachen", sagt Leistner. Da müsse man manchmal schon erklären, dass die ehrenamtliche Arbeit hier ernst gemeint sei. Hermann Leistner ist Pressesprecher der Arbeitsagentur und kann die Schicksale in Zahlen fassen: Rund 28.000 Menschen in Leipzig sind arbeitslos, davon beziehen etwa 5.000 Arbeitslosengeld. Alle anderen beziehen Arbeitslosengeld II, das sogenannte "Hartz IV". Zu den Hartz-IV-Beziehern gehören aber noch viel mehr Menschen: Etwa 75.000 Leipziger in rund 40.000 "Bedarfsgemeinschaften" sind auf Hartz IV angewiesen. "Für eine Boom-Stadt wie Leipzig ist das tatsächlich erschreckend", sagt Hermann Leistner. 520.000 Einwohner hat die Stadt – jeder siebte braucht Unterstützung.

Schokolade von der Arbeitsagentur

In der Küche holen die Helfer inzwischen den Nachtisch. Alles was hier gekocht und zubereitet wird stammt aus Spenden. Täglich gibt es ein Drei-Gänge-Menü mit Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise. "Nudeln und Reis bekommen wir immer ausreichend. Dieses Jahr haben wir allerdings wenig Fleisch", sagt Sabine Glinkowski. Unternehmen und Privatpersonen spenden Lebensmittel, Kleidung und Dinge für den persönlichen Bedarf. Warme Kleidung wird jetzt im Winter besonders gebraucht. Auch Spielzeug macht zu Weihnachten große Freude.

Sabine Glinkowski schaut sichtlich zufrieden in den Saal. Vorne spielen Kinder. Die Mitarbeiter der Arbeitsagentur kellnern noch immer und bringen warme Schokolade an die Tische. Eine alte Dame begutachtet einen Pullover, den sie heute geschenkt bekommen hat. Martin K. geht jetzt wieder auf die dunklen Leipziger Straßen. Er weiß noch nicht, ob er wiederkommt. Vielleicht will er nach Süddeutschland, vielleicht bleibt er aber auch hier in Leipzig. Erst mal muss er sich einen Schlafplatz für die Nacht suchen. Die soll nicht ganz so kalt werden; nur vier Grad über Null.

Von Markus Kremser

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