Ein Skandal, der traurig und wütend macht
Wenn ich morgens durch Berlins Mitte zur Arbeit fahre, komme ich an drei jüdischen Einrichtungen vorbei. Woher ich das so genau weiß? Es sind die drei Gebäude, die aufwendig mit Pollern und Absperrketten gesichert sind und rund um die Uhr von Polizisten und Sicherheitspersonal bewacht werden.
73 Jahre nach dem Holocaust können Juden nicht einmal in Berlin – der Stadt, in der der millionenfache Judenmord beschlossen und organisiert wurde – frei und ohne Angst ihre Religion und ihren Alltag leben. Im Gegenteil: Die Situation scheint immer schlimmer zu werden. Regelmäßig liest man inzwischen von antisemitischen Vorfällen und Attacken in der Hauptstadt. Zuletzt wurde am Wochenende der Fall einer jüdischen Schülerin bekannt, die an einer Grundschule im Ortsteil Tempelhof von Mitschülern antisemitisch angepöbelt worden sein soll, sogar von Todesdrohungen ist die Rede. Ein neuerlicher Skandal, der traurig und wütend macht.
Die Täter in Tempelhof sollen Muslime gewesen sein – leider ist auch das längst kein Einzelfall mehr. Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn sagte vor kurzem in einem Interview der "Neuen Zürcher Zeitung": "Der gewalttätige Antisemitismus kommt heute nicht von rechts, auch wenn die irreführenden Statistiken etwas anderes sagen." Und weiter: "Wenn ich mich in meinem jüdischen Bekanntenkreis umhöre, dann sagen alle das Gleiche: Gewalt gegen Juden geht ausschließlich von Muslimen aus."
Wir müssen dieser Tatsache endlich frei von falscher Toleranz ins Auge blicken: Zwar gibt es nach wie vor rechtsextreme Antisemiten, doch der muslimische Antisemitismus ist für Juden in Deutschland inzwischen wohl die deutlich größere Gefahr. Hinzu kommt: Durch den Zuzug hunderttausender Flüchtlinge aus dem Nahen Osten – darunter viele mit tief verwurzelten antiisraelischen und antijüdischen Einstellungen – dürfte diese Gefahr in den kommenden Jahren noch weiter anwachsen.
Mit ritualisierten Solidaritätsadressen der Politik an die Juden kann dieses Problem nicht gelöst werden; sie sind zwar gut gemeint, aber völlig wirkungslos. Den Worten müssen vielmehr endlich Taten folgen. Der Rechtsstaat muss mit aller Härte gegen Antisemiten vorgehen und ihrem Hass gegen alles Jüdische Einhalt gebieten. Aber auch die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft ist gefordert: Sie muss ein deutliches Zeichen setzen, dass Judenhass in Deutschland nicht geduldet wird. Das sind wir unseren jüdischen Mitbürgern schuldig.
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