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Die Friedhofskultur in Deutschland ist im Wandel begriffen

Eine Frage der Pietät

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Ein Sarg mit Sargschmuck steht in der Begräbniskapelle.
Bonn - Häufig trifft sich die Großfamilie nicht, seit die Kinder aus dem Haus und in alle Winde verstreut sind. Aber dieser Novembertag ist kein Tag wie jeder andere. Vor einem Jahr ist unsere Oma gestorben. Fast hatte sie die 89 erreicht, so wie es ihr Plan gewesen war. Sicher wäre sie heute mit den fehlenden zwei Monaten versöhnt und würde sagen: "Der November ist ein guter Monat, um zu gehen".

Auf dem Friedhof ist nicht viel los, als wir uns an diesem regnerischen Vormittag am Grab versammeln. Alle hängen ihren Gedanken nach. Sogar meine kleine Tochter steht stumm und ist in den Anblick eines Terrakotta-Eichhörnchens versunken, das auf der Grabplatte sitzt. Ich habe es vor einem Jahr nach dem Sechswochenamt gekauft, weil mir das Urnengrab mit der Platte zu unpersönlich erschien. Meine Oma hat solche Figuren geliebt.

Nicht nur sie liegt hier begraben. Auch ihre Eltern und ihr Mann haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. War es bei den Urgroßeltern in den Achtzigern noch eine Erdbestattung im Sarg, wurde mein Großvater bereits in einer Urne beigesetzt. Auch meine Oma wählte eine Feuerbestattung für sich, denn im Grab hatte nur noch eine Urne Platz.

Anonyme Bestattungen auf der Wiese?

"Die Feuerbestattung macht bei uns heute sechzig bis siebzig Prozent aus, in den Großstädten liegt die Zahl wohl noch um einiges höher", sagt Joachim Mühlhöfer, Bestatter in Unkel am Rhein. "Selbst konservative Katholiken entscheiden sich mittlerweile dafür, wenn auch weitaus zögerlicher". Seit den 1960er Jahren erkennt die Kirche die Feuerbestattung an, solange sie nicht aus Gründen gewählt wird, die dem christlichen Glauben widersprechen.

Der Wandel der Friedhofskultur zieht sich durch alle Regionen Deutschlands. Lange vorbei die Zeit der prunkvollen Grabdenkmäler, die alte Friedhöfe zu Publikumsmagneten machen. Kostengünstig und pflegeleicht sind Attribute, die auf der Wunschliste ganz oben stehen. Das geht hin bis zur anonymen Bestattung auf der Wiese. "Ich bin froh, dass die anonymen Bestattungen in unserer ländlichen Gegend wieder zurückgegangen sind", sagt Joachim Mühlhöfer. Als diese vor einigen Jahren aufkamen, seien sie zunächst sehr gefragt gewesen.

Vor allem, wenn im Altenpflegeheim jemand ohne Verwandtschaft sterbe, der zu Lebzeiten weder eine Bestattungsverfügung noch einen Vorsorgevertrag unterschrieben habe, wähle das Ordnungsamt sie als kostengünstige Alternative. Aber auch viele andere entschieden sich dafür, um der Familie die Grabpflege zu ersparen.

Wenn die Würde mit den Kosten kollidiert...

Viele seien aber langfristig mit dieser Entscheidung unglücklich. Nicht nur, weil ein Ort des Gedenkens fehle, sondern weil ein würdevoller Abschied hilft, die Trauer zu bewältigen. Die Würde kollidiere aber eben häufig mit den Kosten. "Da heißt es dann: 'Oma muss doch nicht mehr gewaschen werden oder im Sarg noch Kleidung tragen - sie wird doch ohnehin eingeäschert'", erzählt der Bestatter. Einmal sei sogar ein älterer Herr gekommen und wollte über seine 'Entsorgung' sprechen. "Da habe ich gesagt: So etwas machen wir hier nicht." Am Ende habe man sich auf ein schlichtes Begräbnis geeinigt.

Wenn ich an die Beerdigung meiner Oma denke, habe ich vor allem die lange Reihe an Trauernden in Erinnerung, die sich über den halben Friedhof zog. Alle wollten ihr am Grab die letzte Ehre erweisen mit einer Rose, etwas Erde oder Weihwasser. Es hatte etwas Würdevolles, dieser gemeinsame Abschied von einem Menschen, der viele Freunde gehabt hatte und im Ort verwurzelt gewesen war. Für mich war es tröstlich, meine Trauer zu teilen - am Grab und auch, indem ich Sprüche für die Traueranzeige auswählte oder ein Fotoalbum zusammenstellte. In all den Tagen nach ihrem Tod, habe ich mich intensiv mit ihrem Leben befasst.

Zugegebenermaßen war ich seit dem Sechswochenamt nicht mehr am Grab. Da geht es mir wie vielen anderen, die den Weg zum Friedhof nicht mehr finden, selbst wenn sie in der Nähe wohnen. "Das Gedenken hat sich verändert", ist auch die Erfahrung von Joachim Mühlhöfer. "Viele gedenken ihrer Verstorbenen im Alltag, beim Betrachten alter Fotos und in der Erinnerung an Begebenheiten. Die Jüngeren suchen Trost auf Gedenkportalen im Internet."

Die Urne auf dem Kaminsims?

Dieses Gedenken vom Wohnzimmer aus geht so weit, dass mancher Angehörige nach Wegen sucht, sich die Urne auf den Kaminsims zu stellen. Das ist in Deutschland bislang jedoch verboten, aber es gibt ein Schlupfloch, indem man die Einäscherung in Holland vornehmend lässt. Dort darf die Asche im Krematorium an die Angehörigen ausgehändigt werden. Danach verliert sich nicht selten die Spur. "Für uns ist hier eine Grenze erreicht", sagt Mühlhöfer. "Uns ist es sehr wichtig, dass Verstorbene ordentlich beigesetzt werden. Das ist eine Frage der Pietät."

Der Pietät und eben der Gesetzgebung. In Deutschland herrscht anders als in den Nachbarländern Friedhofspflicht. Das heißt: Bestattet werden darf nur auf Friedhöfen, in Friedwäldern oder im Meer. Selbst Beisetzungen im Fluss sind in Deutschland nicht erlaubt, auch wenn immer wieder entsprechende Anfragen kommen. "Es gibt aber die Möglichkeit, einen Verstorbenen in der Maas im holländischen Roermond beisetzten zu lassen. Das haben wir auch schon gemacht", erklärt Johann Mühlhöfer.

Ist die Friedhofspflicht veraltet? Ja, meinten 65 Prozent der Befragten bei einer Emnid-Umfrage der Verbraucherinitiative Aeternitas e.V. im vergangenen Jahr. In der Tat fordern Experten seit Längerem eine Liberalisierung des Bestattungsgesetzes, ähnlich wie in den Niederlanden. Die Bremer Bürgerschaft ist derweil einen Schritt weiter gegangen und hat eine Lockerung des Gesetzes in erster Lesung beschlossen. Ab Januar 2015 soll die Asche Verstorbener auf privaten Grundstücken oder ausgewiesenen öffentlichen Flächen verstreut werden dürfen.

Friedwälder als kirchlich anerkannte Alternative

Während die Kirchen dieses Vorhaben kritisieren, sieht es bei den immer beliebter werdenden Friedwäldern anders aus. Eine Bestattung im Wurzelwerk eines Baumes erscheint vielen Menschen als würdiger Ruheort. Und die Kirche erlaubt für Katholiken mittlerweile auch Begräbnisse mit geistlicher Begleitung im Friedwald. Vorausgesetzt, der Name der Verstorbenen wird an Ort und Stelle verzeichnet und die Friedwaldordnung lässt christliche Symbole zu.

Am Grab meiner Oma unterhält sich die Familie mittlerweile angeregt. Es geht ums Wetter, um den Stau auf der Autobahn, den Dackel in der Friedhofsgärtnerei... "Ist Oma eigentlich häufig auf den Friedhof gegangen", frage ich meine Tante durch das Stimmengewirr hindurch. "Am Anfang ja, da war sie sicher jeden zweiten Tag hier?", sagt sie nachdenklich. "Mit der Zeit wurde es weniger und irgendwann ist sie gar nicht mehr gegangen." An meinen Opa gedacht hat sie trotzdem jeden Tag, da bin ich sicher. Ich erinnere mich an sein Foto im Wohnzimmer und die Kerze davor, die immer brannte.

Von Janina Mogendorf

Stichwort: Friedhofs- und Bestattungsrecht

Friedhofs- und Bestattungsrecht ist Sache der Bundesländer. Was tatsächlich auf dem Friedhof erlaubt ist, steht in der jeweiligen Friedhofsordnung. Auf katholischen Friedhöfen sind die Vorgaben strenger (christliche Symbole, keine Platten, keine Teichfolien), als auf kommunalen Friedhöfen. (mog)

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