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Die Konsequenzen der Landflucht in Bolivien sind oft noch mehr Leid und Armut

Eine Frau kämpft

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Cochabamba - Das einzige, was Dona Paulina geblieben ist, sind vier ihrer Kinder und der tägliche Kampf ums Überleben. Als sie mit ihrem Mann und den fünf Kindern in die Stadt zog, hatte die Familie auf ein besseres Leben gehofft. Zuerst verstarb die zweijährige Tochter Joseline und dann verließ sie ihr Ehemann.

In Bolivien gibt es viele Menschen, die vergebens vom Land in die Stadt fliehen, um der Armut zu entkommen. Laut einer Studie der Vereinten Nationen (UN) wechselten im Jahr 2001 fünfzehn Prozent der etwa neun Millionen Bolivianer ihren Wohnort. Während 1976 noch der größte Teil der Bevölkerung auf dem Land gelebt hat, wohnte 60 Prozent der Gesamtbevölkerung bei der letzten Zählung 2001 in Städten. Vor allem Angehörige der ursprünglichen Kulturen Boliviens wie Quechua und Aymara sind davon betroffen.

Der Mann verfällt in der Stadt dem Alkoholismus

Dona Paulina lebte früher mit ihrer Familie in einem Dorf im Departement La Paz und gehört zur Kultur der Aymara. Dürreperioden brachten der Familie schlechte Ernten ein. "Es gab kein Essen, keine Arbeit", sagt sie. Darum sind sie dann in die Großstadt Cochabamba gezogen. "Es ging uns gut", sagt sie mit Blick auf die erste Zeit in der Stadt. Ihr Mann fand Arbeit als Bauarbeiter und brachte Geld nach Hause, aber das währte nicht lange: "Ein Jahr lang hat er mir Geld gegeben, dann nicht mehr", erinnert sie sich.

Animiert durch die Kollegen habe ihr Mann begonnen, den Wochenlohn am Samstag zu versaufen. Irgendwann, sagt Dona Paulina, sei er nicht nur Nächte, sondern sogar Wochen lang nicht nach Hause gekommen. Am Ende habe er sie und die Kinder dann für immer verlassen. Weil sie die Wohnung alleine nicht bezahlen konnte, kehrte sie in ihr Dorf zurück. Dort angekommen, schlug der Dorfchef die Glocke und versammelte die Gemeinschaft, erzählt sie. Schließlich haben sie Dona Paulina und ihre Kinder aus dem Dorf geworfen.

Dona Paulina, zwei ihrer Kinder und ihre Mutter. Die verlassene Ehefrau versucht, mit Hilfsarbeiten Geld zu verdienen.

Dorf will an ihr Exempel statuieren

Normalerweise führt in Bolivien nur eine von der Dorfgemeinschaft als Kapitalverbrechen gewertete Handlung wie Ehebruch zum Ausschluss, um Unglück vom Dorf abzuwenden. Ob die Gemeinschaft einfach ihre Regeln angewandt hat, oder sie zu Unrecht abgewiesen hat, ist im Gespräch mit Dona Paulina aber nicht zu klären. Die Ordensfrau Schwester Josefine, die Dona Paulina unterstützt, vermutet eher Letzteres: "Man wollte im Dorf ein Exempel statuieren, um junge Mädchen davon abzuhalten, ebenfalls in die Stadt abzuwandern und irgendwann ohne Mann und mit Kindern zurück zu kehren." Dona Paulina wäscht, hilft in der Küche, auf dem Markt – doch es reicht nicht, um ihre Familie über Wasser zu halten. Mit rund 20 Bolivianos am Tag kann sie kaum eine Mahlzeit für ihre vier Kinder und ihre Mutter zubereiten.

Die Geschichte von Dona Paulina ist kein Einzelfall, sondern die Regel in dem ärmsten Land Südamerikas. In den "Auslandsinformationen" der Konrad Adenauer-Stiftung berichtet Bolivien-Kennerin Claudia Heins: 2In Bolivien sind steigende Armutswerte besonders in Santa Cruz und in Cochabamba zu beobachten, genau in den Departements, wo die höchste Zuwanderungsquote zu verzeichnen ist."

Familie darf in dem Rohbau leben, den sie für den Besitzer bewacht

Etwas Hilfe bekommt Dona Paulina von Schwester Josefine, einer Arenberger Dominikanerin. Doch die Mittel der Schwester sind sehr begrenzt. "Aus ihrer letzten Wohnung musste Dona Paulina über Nacht fliehen, weil wir die Miete nicht mehr zahlen konnten", berichtet die bolivianische Ordensfrau. Nun wohnt Dona Paulina mit ihrer Familie in einem fensterlosen Zimmer eines Rohbaus, den sie auf diese Weise für den Besitzer bewacht. Es gibt keinen Strom und kein Wasser, aber ein Dach über dem Kopf.

Fliegen schwirren durch die Luft, denn hier draußen im Randbezirk vom Cochabamba gibt es Vieh. Und wenn es dunkel wird, nehmen die Mücken das Zimmer ein. "Sie stechen uns", sagt Dona Paulina. Ihr zehnjähriger Sohn Ariel liegt schon seit drei Tagen krank im Bett. Er muss sich übergeben, hat Magenschmerzen. Bei der Krankenstation waren sie noch nicht, denn auch dazu fehlt das Geld. Dona Paulinas Traum ist ein kleine Eigentums-Wohnung für ihre Familie, in der sie endlich bleiben könnten. Sie holt ein Zettelchen heraus und zeigt ein Angebot, das sie gefunden hat. 2.500 US Dollar braucht sie. "So viel haben wir nicht", sagt Schwester Josefine und muss sich verabschieden.

Von Tobias Schrörs

Zur Person

Der junge Dominikaner Tobias Schrörs ist im Auftrag seines Ordens für ein Jahr nach Bolivien gereist und berichtet von dort für katholisch.de.

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