Eine gleichgültige Gesellschaft braucht stabile kirchliche Orte
Wissenschaft ist manchmal kompliziert. Ihre Ergebnisse müssen übersetzt werden. Meisterhaft ist dies Jan Loffeld gelungen. Er hat den säkularen "Trend einer lebensweltlichen Gleichgültigkeit gegenüber transzendenzbasierten Deutungsbezügen" durch die eingängige Formel erfasst, "dass nichts fehlt, wo Gott fehlt".
Es ist verwunderlich, dass einerseits Menschen nichts fehlt, wo Gott fehlt, sie sich mit anderen Worten also in ihrem Alltag religiös indifferent verhalten, und andererseits eben denselben Menschen sehr viel fehlt, wenn eine im Nahbereich liegende Kirche oder kirchliche Einrichtung – ein Kindergarten, eine Schule, ein Krankenhaus, eine Beratungsstelle, ein Alten-oder Pflegeheim, ein Hospiz etc. – geschlossen wird. Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären?
Offenbar ist Kirche in den Augen der Menschen mehr als nur eine Bekenntnisgemeinschaft. Offenbar ist Religion mehr als frommes Gefühl und transzendentale Erfahrung.
Kirchliche Einrichtungen werden geschätzt, weil sie mit der eigenen Vergangenheit verbinden. Sie werden geschätzt, weil in ihnen Tag für Tag gute Arbeit geleistet wird. Sie werden geschätzt, weil in ihnen Gottes guter Geist weht. Gottes Geist kann nämlich nicht nur in Bekenntnis und Gottesdienst, er kann auch in der säkularen Welt vernommen und im alltäglichen Handeln der Menschen wahrgenommen werden.
Würde man Religion auf Transzendenzbezug beschränken, käme dies einer Kapitulation der Kirche vor der säkularen Moderne gleich. Der Geist Gottes würde seiner die moderne Gesellschaft gestaltenden Kraft, die im Handeln der Menschen und in kirchlichen Einrichtungen wahrnehmbar ist, beraubt.
Der Geist, der von Gott ausgeht, wird einerseits wahrnehmbar in der Achtung der Würde des Menschen und andererseits in der Zuwendung zum anderen. Für beides setzt sich die Kirche mit ihren Institutionen und im Vertrauen auf die Gegenwart des göttlichen Geistes ein. Sie wird damit nicht zum säkularen Dienstleister. Sie setzt Standards! Mit ihren Einrichtungen ist sie Zeichen und Werkzeug der in Jesus Christus offenbar gewordenen Zuwendung Gottes zu den Menschen. Eine gleichgültige und fragmentierte Gesellschaft braucht empathische und stabile kirchliche Institutionen.
Michael Böhnke ist emeritierter Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.