Eine globale Herausforderung
Das österreichische Innenministerium spricht von rund 20.000 Flüchtlingen, die sich zurzeit in Österreich aufhalten, nach Einschätzungen der Caritas Österreich sind es rund 40.000 Schutzsuchende. Besonders im Burgenland, Österreichs östlichstem Bundesland, ist die Situation dramatisch. Weitere Flüchtling-Hotspots in Österreich sind die Bahnhöfe Wien, Linz und Salzburg, die an der Strecke liegen, die gen Westen führt.
"Die Unterbringung der Flüchtlinge ist die größte Herausforderung momentan. Wir konnten unsere Kapazitäten in Österreich in den letzten Tagen sehr stark erhöhen und viele zusätzliche Notquartiere schaffen", sagt Christoph Schweifer, Generalsekretär der Caritas Österreich, im Gespräch mit katholisch.de. "Doch unsere Möglichkeiten sind begrenzt." Die Caritas sei in allen Bundesländern Österreichs in die Krisenstäbe eingebunden und konnte bereits rund 3.000 Notquartiersplätze organisieren. Vor allem Pfarreien und Räume in kirchlichen Einrichtungen wurden in Versorgungsstätten umgewandelt. Daneben gebe es an den Bahnhöfen in Wien, Linz und Salzburg eine Rundumbetreuung, berichtet der Caritas-Generalsekretär. Das heißt: Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten. Die Arbeit der kirchlichen Hilfsorganisation wird von vielen Freiwilligen unermüdlich unterstützt.
"Deutschland hat einfach den stärksten Namen"
Dass die meisten Flüchtlinge das Ziel Deutschland haben, erklärt sich Schweifer mit der hohen Wirtschaftskraft des Nachbarlandes und einer damit verbundenen Hoffnung auf Arbeit. "Nach Umfragen ist Deutschland das beliebteste Land der Welt. Das dürfte auch bei den Flüchtlingen nicht anders sein", sagt er. "Für viele Asylsuchende ist der Hintergrund ihres Traumes keine realistische Analyse. Deutschland hat einfach den stärksten Namen", fügt er hinzu.
Der Caritas-Generalsekretär zeigt Verständnis für die von mehreren Ländern wieder eingeführten Grenzkontrollen, denn es gehe um eine geordnete Registrierung der Flüchtlinge. "Allerdings ist das nur sinnvoll, wenn es eine legale Möglichkeit gibt, in Europa Asyl zu beantragen - ohne illegal agierende Schlepper", erklärt er. Der legale Zugang zum europäischen Asylsystem stellt für Schweifer die erste von vier Komponenten dar, die zu einer Lösung der Flüchtlingskrise führen könnte.
Als weiteren wichtigen Punkt führt er einheitliche Asylstandards an. "Es kann nicht sein, dass manche Flüchtlingsgruppen in dem einen Land 90 Prozent Anerkennungsquote haben, in dem anderen Land nur 10 Prozent", bemängelt der Caritas-Präsident die momentane Situation in Europa. Ebenso hält Schweifer eine Verteilquote für Flüchtlinge innerhalb der europäischen Länder für unbedingt erforderlich, um die Krise bewältigen zu können.
Syrien ist nicht nur eine europäische Herausforderung
Gerade im Hinblick auf die syrischen Flüchtlinge sieht der Caritas-Präsident aber nicht nur eine europäische, sondern eine globale Herausforderung. "Kanada hat nur 2.000 Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufgenommen, die USA gerade einmal 1.500", kritisiert er. Letztlich sei es aber auch ein entscheidender Faktor, die humanitäre Hilfe in den Herkunftsländern der Schutzsuchenden zu verbessern. Denn in Syrien, aber auch den Nachbarländern ist die Unterstützung nicht gesichert. In Jordanien, im Libanon und in der Türkei leben insgesamt 4 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, hunderttausende Kinder gingen seit Jahren nicht in die Schule, 70 Prozent der notwendigen Hilfe für diese Länder finde nicht statt. Der Caritas-Präsident kritisiert deshalb auch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, das in diesem Jahr seinen Etat in den Nachbarländern Syriens um die Hälfte reduziert hat.
"Im Nahen Osten herrscht eine enorme Perspektivlosigkeit, wenn die finanziellen Hilfen nicht entsprechend ausgestattet sind. Hier adäquat zu helfen, muss der erste Schritt in einer europäischen Flüchtlingspolitik sein", fordert Schweifer. Statt von einer "Flüchtlingskrise" spricht er von einer "riesigen Solidaritätskrise". Allein eine gesamteuropäische Lösung biete einen Ausweg aus der momentanen Situation. "Nur so ist es machbar", ist sich der Caritas-Präsident sicher.
Die katholische Kirche Österreichs sieht angesichts des Leides der vielen tausend gestrandeten Menschen ihre Aufgabe in der Unterstützung und Versorgung der Hilfesuchenden. Allerdings müsse die Lösung für die Bewältigung der Krise vor allem auf europäischer Krise gesucht werden, erklärte Paul Wuthe, Pressesprecher der Österreichischen Bischofskonferenz, im Gespräch mit katholisch.de. "Kirchliche Organisationen haben schon seit Jahren vor der mangelnden Gesundheits- und Bildungsversorgung in den Ländern, die syrische Flüchtlinge aufgenommen hatten, gewarnt", erinnert er.
Diözesankoordinatoren für Flüchtlingshilfe
Die österreichischen Bischöfe und die Caritas stehen seit Monaten in direktem Kontakt mit der Politik. "Eine Frucht davon ist, dass die Kirche ihre Bemühungen bei der Suche nach Quartieren verstärkt hat. Seit zwei Monaten gibt es in jeder Diözese in Österreich sogenannte Diözesankoordinatoren für Flüchtlingshilfe", berichtet Wuthe. Die sollen Flüchtlinge dabei unterstützen, während der Phase ihres Asylverfahrens in die staatliche Grundversorgung zu kommen und gut betreut zu werden.
In den letzten Monaten hat die Kirche laut dem Pressesprecher deutlich zulegen können. "Wir haben ungefähr 5.000 Plätze in der Grundversorgung und weitere 12.000 Asylbewerber, die von der Caritas mobil betreut werden." Das bedeutet, dass jeder dritte Schutzsuchende in Österreich von der Kirche beziehungsweise Caritas betreut wird. Die Kirche ist damit nach dem Staat die größte Organisation, die sich um Asylsuchende kümmert.
Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.