"Eine Katastrophe"
Frage: Kam die Entscheidung von Montag für Sie überraschend?
Rose: Nein. Das deutete sich an, allerspätestens mit der Ankündigung, dass auch einige Vorstandsmitglieder bei der anberaumten Betriebsversammlung dabei sein würden. Trotzdem macht auch mich als Betriebsseelsorger die neue Situation ratlos. Ich sehe die Mitarbeiter, die nichts anderes wollen als zu arbeiten und dafür entsprechendes Geld zu bekommen. Was ihnen besonders zusetzt, ist die jahrelange Zitterpartie, die sie hinter sich haben: Mal hieß es, es geht weiter, mal, das Werk wird geschlossen. Das hinterlässt im Selbstwertgefühl riesige Krater. Und dass das Aus jetzt so kurz vor dem 50-jährigen Jubiläum verkündet wird, ist unbeschreiblich.
Frage: Politiker kritisieren die Art und Weise, wie General Motors mit den Mitarbeitern umgeht, gerade wegen der langen Hängepartie, die sie durchleben mussten. Teilen Sie diese Kritik?
Rose: Ja, die teile ich. Man hat der Belegschaft in den letzten Jahren immer wieder Opfer abverlangt, sie haben auf Lohnerhöhungen verzichtet, sie haben auf Weihnachtsgeld verzichtet. Das haben sie alles klaglos mitgemacht. Und man hat gesagt: Wenn Ihr das macht, dann sind wir profitabel. Da hat man den Mitarbeitern falsche Dinge versprochen.
Frage: Haben Sie schon Rückmeldungen von Opel-Mitarbeitern?
Rose: Ich habe Kontakt zum Betriebsratsvorsitzenden Rainer Einenkel, zur Gewerkschaft IG Metall und fahre in diesen Tagen nach Bochum ins Opelwerk. Bischof Overbeck, der Pfarrer vor Ort und ich wollen den Mitarbeitern zeigen: Wir stehen an Eurer Seite. Wenn Ihr Hilfe braucht, sind wir da. Wir haben bei Opel schon Gottesdienste gefeiert, politische Nachtgebete organisiert, sind bei Demonstrationen dabei. Außerdem bieten wir den Mitarbeitern und ihren Familien Gespräche an, trauern mit ihnen. Wir als Kirchen können aber keine 3.000 Arbeitsplätze ersetzen. Wirtschaftlich können wir nicht auf das Management bei General Motors einwirken. Was wir aber doch bemerken, ist ein indirekter Effekt. Wenn wir zum politischen Nachtgebet einladen, dann sorgt der Betriebsrat dafür, dass die Einladungskarten auch nach Detroit geschickt werden. Einfach, damit das Management merkt, es erregt ein gewisses öffentliches Aufsehen, wenn ein Werk zugemacht wird. Auch die Kirche als große gesellschaftliche Gruppe hat sich das auf ihre Fahnen geschrieben. Das wird schon wahrgenommen, auch in den USA.
Frage: Wie laufen die Gespräche mit den Mitarbeitern konkret ab?
Rose: Der allergrößte Anteil der Mitarbeiter ist kirchenfern. Wir beten da keinen Rosenkranz, nehmen keine Beichte ab. Wir sind einfach da. Die Leute wollen ihr Häuschen behalten, ihre Wohnung. Es geht ja nicht nur um einen Arbeitsplatz, da hängt ja auch oft die ganze Familie dran. Die Menschen im Revier sind bodenständig. Die verschiebt man nicht einfach so nach Rüsselsheim oder Eisenach.
Frage: Was bedeutet die Entscheidung für die Stadt Bochum und für die ganze Region?
Rose: Das ist eine Katastrophe. Nach dem Stellenabbau bei ThyssenKrupp und Nokia ist das ja innerhalb von kurzer Zeit die dritte große Pleite für Bochum. Aber auch für die ganze Region ist es eine Katastrophe. Es gibt immer weniger Industriearbeitsplätze im Ruhrgebiet. Auch Stahlarbeitsplätze werden ja abgebaut. Je nach der eigenen Qualifikation ist es schwer, einen neuen Job zu finden. Ingenieuren fällt das leichter als angelernten Arbeitern.
Frage: Es wird nun gefordert, dass Opel sozialverträgliche Lösungen findet, möglichst keine Kündigungen ausgesprochen werden. Mal ganz ehrlich: Glauben Sie daran?
Rose: Ich fordere das jedenfalls. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil General Motors beträchtliche Gewinne macht. Wenn das Unternehmen ein Werk schließt, dann hat es die moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass das sozialverträglich passiert. Das ist Gepflogenheit nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Konkret bedeutet das, bei den Abfindungen großzügig zu sein und den Mitarbeitern andere Arbeitsplätze im Unternehmen anzubieten. Da ist übrigens auch die Landesregierung und - soweit ihr das möglich ist - die Kommune in der Pflicht. Es müssen Ersatzarbeitsplätze angeboten werden.
Frage: Der Betriebsrat will für die Zukunft des Opel-Standorts kämpfen und sich dafür einsetzen, dass auch nach 2016 noch Autos in Bochum gebaut werden. Für wie realistisch halten Sie das?
Rose: Ich halte bis zur letzten Sekunde für realistisch. In den vergangenen Jahren hat die Konzernleitung ständig vom endgültigen Aus gesprochen. 2004 war das auch so: Das Werk sei alt, die Produktionskosten hoch, die Autos verkauften sich nicht mehr, hieß es damals. Und dann ist die Entscheidung wieder revidiert worden. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", das ist ein Spruch, aber die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt. Der Betriebsrat hat ja genügend Alternativen aufgezeigt. Wenn der Wille da ist, dann gibt es Möglichkeiten, auch nach 2016 noch Autos in Bochum zu bauen. Manche mögen denken, das ist naiv oder eine Spinnerei, aber ich bleibe dabei.
Frage: Hätte es eine Alternative zum Ende für die Autoproduktion gegeben?
Rose: Die Lösung wäre gewesen, ein neues Auto in Bochum zu bauen, zum Beispiel den Ampera oder den Mokka. Wie gesagt: Der Betriebsrat hat genügend Vorschläge gemacht. Aber es gab mit dem Chevrolet im eigenen Konzern ein Konkurrenzprodukt. Deswegen sind dem Zafira einige Märkte verschlossen geblieben, zum Beispiel in Lateinamerika und China. Jetzt müssen sich die Stadt Bochum und Land NRW, die eigentlich gar nicht beteiligt sind, Gedanken um die Zukunft der Menschen machen und viel Geld investieren. Aber die, die dafür verantwortlich gewesen wären, die haben das Werk einfach über die Klinge springen lassen. In solchen Situationen berufen wir Betriebsseelsorger uns auf die katholische Soziallehre. Die hat eine Maßgabe, die bei uns im Grundgesetz steht: "Eigentum verpflichtet". Das scheint für ein amerikanisches Unternehmen nicht so eine große Rolle zu spielen.
Das Interview führte Gabriele Höfling