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Alois Glück über die Herausforderungen der Flüchtlingspolitik

"Eine schwierigere Aufgabe als die Finanzkrise"

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München - Die Problem, wie Europa mit Flüchtlingen umgehen soll, ist nach Ansicht von Alois Glück schwerer zu lösen als die Finanzkrise. Nach dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) muss die Kirche dazu mehr beitragen als symbolhafte Handlungen und Appelle an Politiker.

Frage: Herr Glück, das Mittelmeer ist zum Massengrab geworden. Was bedeutet das für die Europäische Union als Wertegemeinschaft?

Glück: Dass wir überzeugende Antworten finden müssen - kurzfristig bei der Soforthilfe für Menschen in Not. Aber auch längerfristig, weil die Entwicklung, sollte sie so weitergehen, auch unsere eigenen Gesellschaften in Europa zu destabilisieren droht. Ich halte die Flüchtlingsströme für eine schwierigere Aufgabe der internationalen Politik, als es die Finanzkrise ist.

Frage: Warum?

Glück: Bei der Finanzkrise wussten die Länder schnell, dass sie alle in einem Boot sitzen. Das Flüchtlingsproblem berührt nicht alle gleichermaßen. Außerdem haben wir es hier nicht mit Zahlen oder Sachgütern zu tun, die man hin- und herschieben kann, sondern mit menschlichen Schicksalen. Da geht es um Prägungen, kulturelle Hintergründe und Emotionen - bei den Flüchtlingen wie auch bei den Einheimischen.

Frage: An Appellen mangelt es nicht. Der Papst fährt nach Lampedusa, der Kölner Kardinal lässt die Glocken läuten.

Glück: Solche Zeichenhandlungen haben ihren eigenen Wert. Ich warne aber vor einer Arbeitsteilung nach dem Motto: Wir Kirchen sind für das Humanitäre zuständig und belassen es gegenüber Politikern bei Appellen, gegebenenfalls setzen wir sie auf die Anklagebank. Das wäre zu einfach.

Frage: Wo sehen Sie die Kirchen über die praktische Hilfe für Flüchtlinge hinaus gefordert?

Glück: Als gesellschaftlich relevante Kräfte müssen sie sich auch mit Gesamtkonzepten beschäftigen. Dazu haben sie teils eigene Kompetenzen, nicht nur für das Soziale, sondern etwa auch für Entwicklungspolitik bei ihren Hilfswerken. Das sollte man zusammenführen.

Frage: Die EU will jetzt auch militärisch gegen Schleuser vorgehen.

Glück: Ich sehe da noch viele offene Fragen. Zweifellos aber brauchen wir wie bei der Bekämpfung des Terrorismus eine internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen den Menschenhandel, der die Flüchtlinge mit falschen Versprechungen mutwillig der Lebensgefahr aussetzt.

Frage: In der EU selbst ist vor allem die gerechte Verteilung der Flüchtlinge immer noch nicht geregelt.

Glück: Wir müssen hier schnell handlungsfähig werden. Darüber hinaus muss die EU eine gemeinsame Afrika-Politik entwickeln. Das war bisher aus historischen Gründen und wegen unterschiedlichen Interessen nicht realistisch. Das setzt handlungsfähige Regierungen als Partner voraus, was gegenwärtig ein großes Problem in Teilen Afrikas ist. Reine Abwehrstrategien führen in die Sackgasse. Ohne Perspektiven für Millionen junge Afrikaner wird kein Grenzzaun hoch genug sein, um sie davon abzuhalten, um jeden Preis ihr Glück in Europa zu suchen.

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Frage: Ist es sinnvoll, zwischen Bürgerkriegsflüchtlingen und Armutszuwanderern zu unterscheiden?

Glück: Wir werden nicht umhinkommen, solche Unterscheidungen zu treffen. Wo Menschen durch Bürgerkrieg in Lebensgefahr geraten und fliehen, müssen wir sie aufnehmen. Das gebietet das christliche Menschenbild. Zugleich leuchtet jedem ein, dass wir nicht alle Armen dieser Welt bei uns aufnehmen können. Es müssen Kriterien entwickelt werden, nach denen entschieden werden kann, wer eine Chance auf einen dauerhaften Aufenthalt bekommen soll. Darüber muss unsere Gesellschaft einen Grundkonsens herbeiführen - jetzt, nicht erst dann, wenn wir mit dem Rücken an der Wand stehen und die Politik durch das Aufkommen radikaler Strömungen zum Getriebenen wird, wie man es in Dänemark und auch in Österreich derzeit schon beobachten kann. Auch hier sehe ich die Kirchen gefordert.

Frage: Die Wirtschaft sagt, wir könnten viele sofort einstellen. Aber Asylbewerber dürfen erst einmal nicht arbeiten.

Glück: Auch hier sind innere Widersprüche aufzulösen. Natürlich könnte eine vollständige Aufhebung des Arbeitsverbots eine falsche Signalwirkung in den Herkunftsländern erzeugen. Andererseits ist es nicht sinnvoll, tatkräftige junge Menschen, die hier gebraucht werden, so lange zum Däumchendrehen zu verurteilen.

Frage: Müsste Deutschland als stärkste europäische Wirtschaftsmacht nicht noch mehr in Vorleistung gehen, um andernorts politische Blockaden aufzulösen?

Glück: Bisher hat Deutschland fast nur die Sonnenseite der Globalisierung kennengelernt. Wir haben uns neue Märkte und Urlaubsziele erschlossen. Jetzt merken wir, dass wir Teil einer weltweiten Schicksalsgemeinschaft sind. Jede Krise irgendwo auf der Erde erreicht uns früher oder später. Davor sollten wir nicht die Augen verschließen. Wir müssen grundsätzlich darüber nachdenken, was mehr Zuwanderung für unser Land bedeutet. Dabei muss das Motto sein: Den Wandel zu gestalten ist immer besser als ihn nur zu erleiden. Kommen tut er so oder so.

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