Empört euch nicht!
Ganz Deutschland ist in Aufruhr. Direkt vor dem Kölner Dom sind in der Silvesternacht schwere Verbrechen begangen worden. Über die Täter und ihre Motivation kursieren diverse Gerüchte. Bereits der erste Twitter-Post am Morgen danach stellte eine Verbindung zur großen Zahl 2015 aufgenommener Flüchtlinge her. Berichterstattung und Bewertung schwanken seitdem zwischen Beschwichtigung und Skandalisierung. Bei allem Schwadronieren über Kultur und Religion der Täter hört man wenig belastbare Antworten, wie denn solches künftig verhindert werden soll.
Wer über Integration spricht, spricht notwendig über Identität und Differenz, besser noch: Diversität. Dass die Kultur Deutschlands – Essen, Musik, Kleidung, Umgangsformen, Religion – durch neue MitbürgerInnen (viele von Ihnen katholisch) schon in den vergangenen 50 Jahren pluraler geworden ist, liegt auf der Hand und bedeutet vielfache Bereicherung. Doch zugleich wird aktuell nicht nur nach dem Maß dieser in großen Teilen begrüßenswerten Diversität, sondern auch nach der notwendigen Übereinstimmung aller deutschen BürgerInnen untereinander gefragt, die für ein friedliches Zusammenleben unerlässlich ist.
Jürgen Habermas sprach vor Jahren schon richtig vom Verfassungspatriotismus als verbindender Größe hochdifferenzierter Gesellschaften. Gerade die katholische Kirche, die in Deutschland mit bis zu 40 Prozent migrantischen Mitgliedern längst zur Weltkirche vor Ort geworden ist, tut gut daran, die deutsche Gesellschaft als Wertegemeinschaft zu verstehen und am Gelingen derselben mitzuwirken. Da hilft es wenig, fremde Menschen als unüberbrückbar Andere zu stilisieren und sich so am allgemeinen "Othering" zu beteiligen.
Was verbindet uns alle schon vor jeder "Integration"? Viele Texte der Bibel lehren uns, alle Menschen als Geschöpfe, ja Ebenbilder Gottes zu erkennen. Muslime glauben noch dazu – wenn auf differente Weise – an den gleichen Schöpfergott, an Gericht, Engel und Auferstehung, leben nach den Werten der 10 Gebote. Gewaltsame Ungleichbehandlung von Frauen gehört aber nicht zu unserer Verfassung. Da es soviel einfacher ist, unter Gläubigen über das Leben in einer pluralen Gesellschaft mit differenzierten Rechten und Pflichten zu reden, da es in fast jedem Dorf, in jeder Kirchengemeinde inzwischen Muslime gibt, an jeder Schule, an der bald muslimische Jugendliche unterrichtet werden, christliche Religionslehrer und -lehrerinnen, ist unsere Aufgabe der nächsten Monate und Jahre leicht zu beschreiben: Den Flüchtlingen eine Heimat zu geben, und das heißt zuerst: die Mauer zu ihnen überwinden, ihnen eine Bleibe geben, zu ihrer Religion "Ja" sagen, sofern sie mit unserer Verfassung übereinstimmt und so neue Ängste, Vereinzelung und damit Verführbarkeit, Gewalt und Kriminalität verhindern.
Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und stellvertretender Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.
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