"Engagement macht stärker"
Auf der Internetseite des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gibt es eine Rubrik, in der Jugendliche sagen, was sie glauben. Ein junger Mann aus der Dekanatsjugend Vorpommern schreibt: "Freundschaft fängt immer mit einer Begegnung an. Begegnung mit dem Aufeinander-Zugehen und das Aufeinander-Zugehen mit einem Lächeln."
Mir gefällt dieser Satz, weil er deutlich macht, wie aus kleinen Gesten Großes werden kann. Auch Engagement fängt manchmal mit einem Lächeln an, jedenfalls mit kleinen Dingen: Sich im Alltag, ganz selbstverständlich, um jemand kümmern. Irgendwo mitmachen und allmählich Verantwortung übernehmen. Sich über etwas aufregen und vom Meckern zum Mitgestalten kommen. Der Weg vom Lächeln zum (politischen) Engagement ist gar nicht so weit.
Viele Jugendliche gehen diesen Weg. Die 16. Shell-Studie zeigt, dass sich 2010 sogar ein höherer Anteil von Jugendlichen häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke eingesetzt hat als vier Jahre zuvor: 39 Prozent gegenüber 33 Prozent. Die Formen sind so vielfältig wie die Motive: Die eine macht einen Freiwilligendienst im Ausland, weil sie fremde Länder nicht nur als Touristin erleben, sondern anpacken will, wo Hilfe gebraucht wird. Der andere ist Messdiener, weil es ganz selbstverständlich zum Glauben gehört - und weil es Spaß macht in der Gruppe mit anderen. Die dritte setzt sich im Jugendverband für kritischen Konsum ein. Das Engagement von Jugendlichen - das unterscheidet sie ein bisschen von anderen Altersgruppen - spielt sich sehr häufig im unmittelbaren Lebensumfeld und mit anderen Jugendlichen ab.
Engagement junger Menschen ist wichtig
Auch wenn viele Jugendliche sagen würden, dass sie sich hauptsächlich engagieren, weil sie Freude daran haben und mit Gleichgesinnten zusammen etwas tun wollen: Das Engagement junger Menschen ist für unsere Gesellschaft enorm wichtig.
Auf ganz verschiedenen Ebenen: Wer sich in jungen Jahren engagiert, wird später mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weiter oder wieder dazu bereit sein. Engagement wird sozusagen früh "gelernt". Gleichzeitig lernen Menschen durch Engagement: Verantwortung zu übernehmen, mit Anderen klarzukommen, sich durchzusetzen (oder auch nicht) - von praktischen Dingen wie der Vorbereitung einer Veranstaltung oder der Platzierung einer Pressemitteilung ganz zu schweigen. Dieses "informelle" Lernen kann die Schule nicht bieten. Engagement bringt weiter, macht stärker und selbstbewusster - das ist die individuelle Ebene.
Jugend steht für Innovation, Wagemut und für die Zukunft
Jugendliche, die sich engagieren, tragen damit aber auch dazu bei, dass die Stimme der jungen Generation in der Gesellschaft gehört wird. Deutschland ist ein Land, in dem - in der Tendenz - immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen leben. Das ist, für sich genommen, nicht schlimm, birgt aber die Gefahr, dass die Jugend und ihre Interessen nicht mehr so auffallen.
Dass "die Jugend von heute" verkommen, gewalttätig, faul, jedenfalls schlechter sei als frühere Generationen, wurde schon immer behauptet. Jugendliche, die sich für andere und für das Gemeinwohl einsetzen, widerlegen, ganz nebenbei bemerkt, täglich diese Vorurteile. Aber noch gefährlicher wäre es, wenn Jugendliche überhaupt nicht mehr als Menschen in einer eigenständigen Lebensphase mit eigenständigen Merkmalen, Interessen und Anforderungen wahrgenommen würden.
Jugend ist nicht nur eine Altersgruppe unter anderen. Jugend stand immer auch für Innovation, für Wagemut, für das Aufbrechen alter Gewohnheiten und Strukturen, kurz: für Zukunft. Junge Menschen wertzuschätzen, zu hören und zu beteiligen, ist auch deshalb wichtig, weil jede Gesellschaft von Erwachsenen den Impuls der Jugend immer wieder nötig hat.
Deshalb brauchen wir nicht nur Jugendengagement, sondern auch eine eigenständige Jugendpolitik. Darüber habe ich mich erst kürzlich bei einem Treffen mit Kinder- und Jugendverbänden auch mit einem Vertreter des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend ausgetauscht. Wir müssen in der Politik dazu kommen, dass die Belange und Interessen von Jugendlichen bei allen Maßnahmen angemessen berücksichtigt werden.
Und wir brauchen Strukturen, die dem Engagement von Jugendlichen einen Rahmen geben, interessierte Jugendliche willkommen heißen und die Interessen von Jugendlichen vertreten, ihre Stimme in der Gesellschaft lauter machen. Auch wenn jugendliches Engagement sich vielfach - und vielleicht zunehmend - außerhalb von festen Organisationen abspielt: Jugendverbände sind nach wie vor die zentralen Orte des Engagements junger Menschen. Dass Engagement in Deutschland so breit und vielfältig ist, verdanken wir nicht zuletzt den Jugendverbänden. Deshalb unterstützt das Bundesministerium die Jugendverbände und wird dies weiterhin tun.
Politisches Engagement muss attraktiv sein
Die Jugendverbände, ob kirchlich oder nicht, sind auch wichtige Partner, wenn es darum geht, den Herausforderungen gegenüberzutreten, vor denen Engagement heute steht. Es gibt weniger Jugendliche, und das stellt Vereine, gerade in ländlichen, strukturschwachen Regionen, vor Probleme. Jugendliche haben weniger Zeit, weil die Leistungsanforderungen höher geworden sind. Deshalb gibt es trotz der oben zitierten Zahlen erste Anzeichen dafür, dass jugendliches Engagement auch zurückgehen kann. Die Parteien stehen - ebenso wie die Politik in Kommunen, Ländern und auch im Bund - vor der Aufgabe, politisches Engagement attraktiv zu machen. Denn ohne Engagement gibt es keine Demokratie. Das gilt für politische Ideen, Debatten und Ämter allgemein ebenso wie für das Engagement für Demokratie und Toleranz, das in ganz bemerkenswertem Umfang von jungen Menschen getragen wird.
Schließlich gehört zum bürgerschaftlichen Engagement für mich auch der Aspekt: Du kannst etwas tun, du kannst wichtig sein. Egal wer du bist, egal wie du aussiehst, egal wie viel du hast, egal wo du herkommst. Ja, es gibt auch Engagement, das ausschließt. Aber all das, was ich am Engagement von Jugendlichen schätze, schließt die Vielfalt ein, die das Leben in einer modernen Gesellschaft ausmacht. Das ist ein politischer, ein demokratischer und auch ein christlicher Gedanke. Denn vor Gott sind alle Menschen gleich. Er liebt uns mit all unseren Eigenschaften und Talenten. "Glaube und Engagement gehören für mich zusammen", sagt ein anderer Jugendlicher auf der Internetseite des BDKJ. Er hat Recht.
Von Manuela Schwesig