Erfurter Einigkeit
Er hoffe, dass dadurch zudem der gesellschaftliche Diskurs zu dem Thema noch einmal angestoßen werde.
Kardinal Rainer Maria Woelki hat mehr Maßnahmen zur Erleichterung eines menschenwürdigen Sterbens gefordert. Notwendig sei eine "Kultur des Dabeibleibens", sagte der Berliner Erzbischof am Samstag im RBB-Hörfunk. Sterbende bräuchten Menschen an ihrer Seite, "die bei ihnen bleiben und sich ihnen sowohl liebevoll als auch professionell zuwenden". Weil sich Patienten besonders vor Schmerzen fürchteten, sei zudem eine starke Palliativmedizin erforderlich, betonte der Kardinal.
Die falsche Frage
Auch nach Ansicht des Erfurter Altbischofs Joachim Wanke kann es keinen Anspruch auf selbstbestimmtes Sterben geben. "Steht hinter solch einer Forderung nicht ein überzogenes Verständis von Autonomie", fragte Wanke am Samstag in Erfurt. Selbstbestimmtes Sterben lasse sich auch nicht gesellschaftlich organisieren. Es gehe vielmehr darum, dass der Einzelne im Sterben nicht alleine gelassen werde.
Der Vize-Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Jochen Bohl, erklärte, die Tatsache, dass sich in Umfragen in der Regel immer eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger für aktive Sterbehilfe ausspräche, resultiere oftmals aus der Fragestellung: "Natürlich antworten die meisten mit Nein, wenn sie gefragt werden, ob sie am Ende ihres Lebens leiden wollen." Gleichzeitig wolle eine ebenso große Mehrheit am Ende des Lebens gut begleitet und von Angehörigen umsorgt sein.
Die Bischöfe sprachen sich dafür aus, dass ein Verbot der organisierten Form von Suizid-Beihilfe auch strafrechtliche Konsequenzen habe müsse. "Bei einem Verbot ist die Logik, dass ein Verstoß dagegen auch strafbewehrt sein soll", sagte Bohl. Zugleich rief er mit Blick auf die Grauzonen zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe zu "juristischer Demut" auf: "Man sitzt einem Irrtum auf, wenn man glaubt, jeden Sterbeprozess rechtlich regeln zu können." Bischof Trelle unterstrich: "Man muss einem Menschen auch die Freiheit schenken, dass er sterben darf - das Sterben soll nicht verlängert werden." Hier sei eine gute Palliativmedizin besonders wichtig.
An Dynamik verloren
Bohl betonte, dass die seit 1991 stattfindende "Woche für das Leben" der Kirchen mit dazu beigetragen habe, dass es inzwischen im Bundestag wie auch in der deutschen Ärzteschaft eine Mehrheit gebe, die sich gegen die Beihilfe zur Selbsttötung ausspräche. Gleichzeitig räumte Trelle ein, dass die Resonanz auf die Aktionswoche zum Lebensschutz in den Pfarrgemeinden in den vergangenen Jahren zurückgegangen sei.
Der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, Udo Reiter, hingegen bekräftigte seine Forderung nach einem rechtlichen Anspruch auf einen selbstbestimmten Tod. "Es sollte einen Notausgang geben, um auch in der letzten Phase des Lebens selbstbestimmt entscheiden zu können", sagte Reiter. Wichtig sei ein "geregeltes Verfahren, das aus den bestehenden Grauzonen der Sterbehilfe hinausführt".
Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Erfurter Mariendom haben die Kirchen die bundesweite "Woche für das Leben" eröffnet. Die Aktion steht in diesem Jahr unter dem Leitwort "Herr, Dir in die Hände", nach einem Gedicht von Eduard Mörike. Das Motto soll auf die Grenzen der technischen und medizinischen Entwicklungen und ein menschenwürdiges Sterben aus christlicher Sicht hinweisen. (mir/KNA)