Es geht um schmerzhaften Verzicht
Sechs Milliarden Euro. Sechs Milliarden. Das ist fortan das Maß der Dinge im Wettstreit um den inoffiziellen Titel "reichstes Bistum Deutschlands". Nach der Offenlegung der Vermögensverhältnisse im Erzbistum München-Freising haben sogleich die üblichen Reflexe eingesetzt: Die kirchlichen Finanzverwalter erklären wortreich, dass sie Verbindlichkeiten zu beachten und Vorsorge zu treffen haben. Und Kritiker bemängeln, dass die Kirche ihren Besitz klein rechne, indem sie Kirchen und andere Kulturdenkmäler mit Symbolwerten von ein paar Euro in den Bilanzen führt.
Beiden Positionen ist eines gemeinsam: das Wissen um einen sagenhaften Reichtum, der für sich genommen schlechterdings unvereinbar ist mit einer Geschäftsordnung, in der so schöne Sätze stehen wie: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt."
Stopp, Halt! Bitte jetzt keine exegetischen Ergüsse darüber, was es mit diesem Jesus-Zitat auf sich hat. Manchmal sollten Christen, sollte die Kirche die Wucht solcher Worte, statt sie zu erklären, einfach nur ertragen. Dann nämlich müsste auch dem cleversten Apologeten klar sein: Ihr Reichtum bringt die Kirche nicht etwa in Sicherheit, sondern in die Bredouille. Sie bewegt sich auf abschüssigem Terrain. Und wie oft ist sie dabei nicht schon hinüber ins Obszöne gerutscht!
Gibt es ein stabilisierendes Moment? Einen archimedischen Punkt jenseits des radikalen Verzichts auf allen Besitz? Tatsächlich vielleicht nur diesen, Vermögen nach dem Erich-Kästner-Prinzip einzusetzen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Gutes kann die deutsche Kirche derzeit tun, indem sie mehr Geld, sehr viel mehr Geld für die Betreuung und Integration von Flüchtlingen ausgibt. Nicht bloß die Krümel vom Kirchensteuer-Kuchen; nicht nur Bruchteile, deren Einsatz leicht zu verschmerzen ist. Es geht jetzt um schmerzhaften Verzicht, um ein Stück Risiko - als Dienst an den Menschen und an der Gesellschaft.
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat am Dienstag die Lage junger Flüchtlinge in Deutschland beklagt. Unterbringung, Bildungsangebote, Teilhabe-Chancen dürften nicht hinter den Standards zurückbleiben, die für gleichaltrige Einheimische gelten. Da ist der Staat gefordert, gewiss. Aber denn nicht auch die Kirche? Wo bleiben ihre Investitionen in geeignete Kitas und Schulen? Wo sind die bischöflichen Berufskollegs, die nicht auf die Kinder der satten Eliten zielen, sondern auf Kinder mit Bildungshunger und elementaren Bedürfnissen? Wo bleiben die Stellenpläne für Erzieher und Lehrer? Wo bleibt die Anstrengung nicht nur im Wort, sondern im Werk?
Mit Transparenz in den Kirchenfinanzen ist es nicht getan. Gefordert ist die Transaktion. Gefordert ist der Transfer. Die sechs Milliarden aus München-Freising sind fortan das Maß der Dinge.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.