"Familien brauchen Solidarität"
Frage: Herr Neher, "Familie schaffen wir nur gemeinsam" ist das Motto der diesjährigen Caritas-Kampagne. Was sind Ihre wichtigsten Forderungen an die Politik und was sollte bis Ende 2014 umgesetzt sein?
Neher: Familien sind auf Solidarität angewiesen. Deswegen brauchen wir eine Familienpolitik, die deutlich macht, dass die Unterstützung von Familien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Familienpolitik muss als Querschnittsthema verstanden werden, das viele Lebensbereiche berührt. Gleich ob wir über den Arbeitsmarkt, die Rente, den Wohnungsbau oder über Gesundheit sprechen: alle Entscheidungen müssen das Kriterium der Familientauglichkeit erfüllen. Mit Blick auf das Jahr 2014 wäre schon viel erreicht, wenn es ausreichend Betreuungsplätze gäbe, die es Müttern und Vätern erleichtern, Familie und Beruf zu verbinden.
Frage: Eine aktuelle Unicef-Studie über kindliches Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit kommt zu dem Ergebnis, dass es Kindern in Deutschland objektiv gut geht. Trotzdem sind viele Jungen und Mädchen hierzulande unglücklich. Woran kann das liegen?
Neher: Die Medien haben ja intensiv über dieses Auseinanderklaffen von objektiver und subjektiver Wahrnehmung bei den Kindern berichtet. Nachdem ich jedoch auch gelesen habe, dass es sich hier anscheinend um einen Interpretationsfehler handelt, bin ich zurückhaltend bei der Annahme, deutsche Kinder wären eher unzufrieden mit ihrem Leben. Wenn man die Studie im Ganzen liest, entsteht der Eindruck, dass das subjektive Wohlbefinden von 11- bis 15-jährigen Kindern in Deutschland eher hoch ist. Und das ist doch sehr schön.
Frage: Sollten wir die Kinder mehr in familienpolitische Entscheidungen mit einbeziehen?
Neher: Kinder in Entscheidungen einzubeziehen, die sie ganz persönlich betreffen und deren Tragweite sie überschauen können, ist in jedem Fall sinnvoll. Wie so etwas konkret gestaltet werden kann, hängt aber vom jeweiligen Thema ab und kann nicht pauschal beantwortet werden.
Wir sind alle gefordert, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft familienfreundlicher zu machen.
Peter Neher
Frage: Was kann die Politik leisten, um die Gesellschaft familienfreundlicher zu machen und wo sind die Bürger selbst gefragt?
Neher: Wir sind alle gefordert, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft familienfreundlicher zu machen. Das fängt damit an, dass man im Restaurant nicht gleich unfreundlich zum Nachbartisch schaut, wenn die Kinder dort lauter reden und spielen. Ich habe oft das Gefühl, dass Besitzer von Hunden auf mehr Toleranz ihrer Umgebung hoffen können als Familien mit Kindern. Familien sind immer auf die ganz konkrete Solidarität ihrer Umgebung angewiesen, gleich ob es die direkten Angehörigen, Freunde oder Nachbarn sind. Der Politik kommt hier natürlich eine entscheidende Rolle zu, weil sie durch die Gesetzgebung den Rahmen schafft, innerhalb dessen sich die Familien bewegen können. Deswegen fordern wir auch, dass Familienpolitik ein Querschnittsthema durch alle sozialpolitischen Felder sein muss.
Frage: Welche Erwartungen haben Sie an die familienpolitische Talkrunde im Rahmen des heute beginnenden Caritas-Kongresses?
Neher: Ich freue mich auf eine argumentationsstarke Diskussion und wünsche mir natürlich, dass unsere Anregungen und Hinweise auf offene Ohren bei den teilnehmenden Familienpolitikerinnen stoßen. Ganz wichtig ist mir bei dieser Runde, dass jede und jeder Gelegenheit hat, dabei zu sein. Über den Live-Stream und die Möglichkeit des Chattens können auch Fragen von Menschen gestellt werden, die in Passau oder Kiel sind und am Gespräch von dort aus teilnehmen. Ich hoffe, das nutzen viele Menschen.
Frage: Wenn Sie sich ein Deutschland im Jahre 2033 vorstellen: Wie könnte sich die Situation von Familien bis dahin verändert haben?
Neher: Familien können im Jahr 2033 ganz selbstverständlich ihre Arbeit mit dem Familienleben verbinden. Teilzeitarbeitsplätze sind für Väter und Mütter mit kleinen Kindern in allen Institutionen, Organisationen und Wirtschaftsunternehmen des Landes etabliert. Es gibt genügend Betreuungsplätze in Deutschland, die mit großer Qualität die Betreuung von Vorschul- und von Schulkindern sicherstellen. Berufliche Auszeiten können gut organisiert werden, wenn es einen Pflegefall in der Familie gibt. Nicht die Arbeit bestimmt den Takt in einer Familie, sondern die Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder. Und Deutschland ist nach wie vor ein sehr produktives und innovatives Land, weil die Menschen ihre Erfüllung in zwei Lebensbereichen finden: in der Arbeit und in der Familie. Träumen darf ich ja …
Das Interview führte Janina Mogendorf
Wie können Familien bei der Bewältigung ihrer Aufgaben am besten unterstützt werden? Diese Frage diskutieren die Bundestagesabgeordneten Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) und Katja Dörner (Bündnis 90/Die Grünen), der Wissenschaftler Ronald Lutz und Caritas-Präsident Peter Neher während des Caritaskongresses in Berlin. Die Talkrunde findet am Freitag, 19. April von 9.15 bis 10.45 Uhr statt. Die Zuschauer können sich über das Internet in die Diskussion einbringen und bereits im Vorfeld Fragen stellen. Die Kommentare werden von einem "Anwalt der Zuschauer" in die Diskussion eingebracht. Beteiligen Sie sich unter caritas.de/polittalkund sehen Sie den Livestream auf den Seiten der Caritas oder in unserem Livestream. (gho/caritas)