Feige über Europa: Das Gemeinwohl steht auf dem Spiel
Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige hat vor zunehmenden Entfremdungsprozessen sowie einem Erstarken von rechtsextremen und populistischen Gruppierungen in Europa gewarnt. "Schon seit längerem haben Ressentiments und Abgrenzungen wieder zugenommen, sind Eigeninteressen wichtiger als der Sinn für Solidarität, wird das Zusammenleben immer schwieriger, steht das Gemeinwohl auf dem Spiel", sagte Feige am Samstagabend in einer Predigt in Frankfurt am Main. Nächstenliebe werde immer mehr zum Fremdwort und Menschenfeindlichkeit gesellschaftsfähig. Feige äußerte sich beim traditionellen Karlsamt im Frankfurter Kaiserdom, das seit 1332 alljährlich zum Gedenken an den Todestag Kaiser Karls des Großen am 28. Januar 814 gefeiert wird. Neben Feige nahmen daran auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Limburgs Bischof Georg Bätzing, und Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz teil.
"Abgebranntes Lager Moria ist ein zutiefst beschämendes Zeichen"
Beispielhaft für die von ihm skizzierten Entwicklungen nannte Feige den derzeitigen Umgang mit Flüchtlingen in Europa. "Das inzwischen abgebrannte Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist ein zutiefst beschämendes Zeichen. Und dass derzeit unzählige Menschen in Bosnien bei eisiger Kälte ihrem Schicksal überlassen sind oder andere weiterhin im Mittelmeer ertrinken, ist ein nicht hinzunehmender Skandal", sagte der Bischof wörtlich.
Mit Blick auf die "Kultur- und Wertegemeinschaft" Europa verwies Feige auf das christlich-jüdische Erbe, das den Kontinent entscheidend geprägt habe. "Fast überall begegnen uns solche Spuren in Architektur, Musik und bildenden Künsten, in Literatur und Sprache, in Denkweisen und Verhaltensmustern. Was wäre Europa außerdem ohne das beeindruckende Zeugnis von Heiligen wie zum Beispiel Benedikt von Nursia oder Cyrill und Methodius, Franziskus von Assisi und Elisabeth von Thüringen oder auch Maximilian Kolbe und Edith Stein?", so der Magdeburger Oberhirte.
Solidarisches Handeln derzeit besonders gefragt
Allerdings dürfe nicht verschwiegen werden, dass vieles am Christentum auch sehr irdisch sei und Menschen schwer enttäuschen könne. "Immer wieder stellen Versagen und Sünde, ja sogar Skandale und Verbrechen unsere Glaubwürdigkeit in Frage. Aktuell gehören vor allem der sexuelle Missbrauch Minderjähriger und mancher willkürliche Umgang mit Macht dazu", betonte Feige. Hier seien Transparenz und Bekehrung ebenso nötig wie Buße und Erneuerung. Schließlich sei der liebevolle Dienst am Nächsten von Beginn an ein besonderes Markenzeichen des Christentums.
Angesichts der derzeitigen Herausforderungen habe für Christen ein solidarisches Handeln größte Bedeutung – besonders in der weltweiten Krise, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst worden sei, und beim Thema Migration. "Aber auch in anderen Bereichen gilt es, für Werte einzustehen, die zu einem Leben in Freiheit dazugehören: die unbedingte Achtung vor der Würde jedes Menschen vom Embryo bis zum Sterbenden, für Frieden und Gerechtigkeit, Demokratie und Toleranz, Verantwortung und Solidarität, ja sogar für Barmherzigkeit und Liebe", erklärte der Bischof. (stz)