Flüchtlingspolitik geht am Kern vorbei
Frage: Deutschland debattiert die Frage, wie die Flüchtlingskrise zu meistern ist. Braucht es eine Begrenzung der Zuwanderung?
Burger: Wenn Menschen vor Krieg und Gewalt fliehen, dürfen wir ihnen nicht mit Abweisung, mit Obergrenzen oder Kontingenten begegnen. Wir können nicht Flüchtlinge im Meer ertrinken lassen, nur weil es uns rechnerisch nicht passt. Es ist unsere Pflicht, zu helfen. Daran führt kein Weg vorbei. Und wir als reiches Land sind in der Lage, zu helfen. Das müssen wir uns, nicht nur zu Weihnachten, bewusst machen.
Frage: Die Frage ist aber: Kann Deutschland das leisten?
Burger: Es ist unübersehbar, dass es Sorgen und Ängste gibt, die es ernst zu nehmen gilt. Das darf uns aber nicht von der Nächstenliebe abhalten, Flüchtlinge aufzunehmen, sie im Geist Jesus Christi zu empfangen und zu begleiten. Auch Papst Franziskus hat dazu aufgerufen, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Das tun wir. Menschen in Not die kalte Schulter zu zeigen, passt nicht zum christlichen Menschenbild und den Werten, denen wir uns verpflichtet fühlen.
Frage: Manche sehen das Christentum durch den Zuzug muslimischer Flüchtlinge in Gefahr. Was meinen Sie dazu?
Burger: Mit unserer Hilfe für Flüchtlinge geben wir nicht unsere biblisch-christliche Kultur auf, sondern füllen sie mit Leben. Klar ist: Man darf die gewaltige Aufgabe der Integration, die vor uns steht, nicht romantisieren. Es wird nicht einfach sein und einige Schwierigkeiten geben. Aber es gibt keinen Grund, die Integration für eine unlösbare Aufgabe zu halten.
Frage: Warum nicht?
Burger: Wenn es gelingt, Menschen zu integrieren, dann ist das eine Bereicherung - für die gesamte Gesellschaft, auch für die Kirche. Zudem wollen ja nicht alle Flüchtlinge unbedingt in Deutschland bleiben. Das Ziel, wieder in die Heimat zurückzukehren, wenn es die Situation in den Herkunftsländern erlaubt, ist ebenso eine Option.
Frage: Dennoch bleibt die Frage, ob Deutschland es schafft?
Burger: Es sind Herausforderungen, das ist keine Frage. Aber die Debatten, die hier geführt werden, gehen oft am Kern vorbei. Das eigentliche Drama spielt sich nicht bei uns, sondern in den Kriegs- und Krisenregionen ab, aus denen die Menschen fliehen. Dies in den Blick zu nehmen, wäre wichtig. Wenn das nicht geschieht, wird sich das Problem nicht lösen lassen. Im Gegenteil: Es könnte sonst eine weiter steigende Zahl von Flüchtlingen geben, weil viele Menschen in ihrer Heimat keine Lebensgrundlage und Hoffnung mehr haben.
Frage: Was ist die Konsequenz daraus?
Burger: Es müssen die Ursachen von Flucht und Vertreibung angegangen und beseitigt werden. Wir brauchen mehr ehrliche Hilfe und eine nachhaltige Entwicklung für Länder, die durch Armut und Gewalt zu Brennpunkten werden. Das ist eine Politik der Nachhaltigkeit, für die wir uns stärker engagieren müssen. Waffenexporte, eine Beteiligung an Militäreinsätzen oder Finanztransfers an die Türkei allein sind für mich keine ausreichende Friedensstrategie, die eine gesicherte Zukunft für die betroffenen Menschen schaffen wird.
Frage: Was sollte Politik tun?
Burger: Sie darf nicht der Versuchung erliegen, nur kurzfristige Antworten zu finden. Sie muss sich den Grundproblemen stellen. Wo das nicht gelingt, droht ein Versagen der Weltgemeinschaft.
"Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude": So beginnt der Bericht des Evangelisten Lukas über die Geburt Jesu, die Christen alljährlich am 25. Dezember feiern. Das Dossier informiert über die Bedeutung von Weihnachten, bekannte Bräuche sowie spannende Hintergründe rund um das Fest.
Frage: Macht es die Kirche denn besser?
Burger: Wir als Kirche versuchen, auch mit unseren Hilfswerken, dauerhaft vor Ort und bei den Menschen zu sein - auch in Zeiten, in denen sich die Aufmerksamkeit der Medien auf andere Themen und Regionen richtet. Dazu sollte sich auch die Politik durchringen, darauf weisen wir seit Jahrzehnten hin. Mit Naturkatastrophen, menschlichen Tragödien, mit Konflikten und Kriegen wird immer wieder deutlich, wie notwendig diese Hilfe ist. Aber das öffentliche Interesse geht meist schnell wieder zur Tagesordnung über, das Leid der Menschen gerät in Vergessenheit.
Frage: Welche Rolle wird die Flüchtlingsfrage an Weihnachten spielen?
Burger: Das Thema ist schon in der Weihnachtsgeschichte präsent - mit der Herbergssuche und der Flucht nach Ägypten. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen bereit sind, Flüchtlinge auf- und anzunehmen. Das zeigt auch das große Engagement der vielen Ehrenamtlichen.
Frage: Wird das anhalten?
Burger: Vielleicht steckt in Weihnachten die Chance, dass noch mehr Menschen deutlich wird, wie gut es uns eigentlich geht und dass unser Wohlstand uns auch in die Pflicht nimmt, uns für andere in Not einzusetzen. Die Geburt Jesu ist ein globales Ereignis. Der Friede, der vom Kind in der Krippe ausgeht, ist nicht nur für uns allein bestimmt. Die Kugeln am Weihnachtsbaum wollen uns dabei auch an den Globus erinnern, an unsere Verantwortung für diese eine Welt.
Stephan Burger (53) ist seit Juni 2014 Erzbischof in Freiburg. Er ist damit Oberhirte der zweitgrößten der insgesamt 27 katholischen Diözesen in Deutschland. Seine Diözese umfasst knapp 1,9 Millionen Katholiken. Zudem ist er verantwortlicher Bischof für das Hilfswerk Misereor mit Sitz in Aachen.
Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.