"Frauen gehören in Führungsetagen"
Frage: Frau Opladen, Deutschland steht kurz vor der Bundestagswahl. Wie bewerten Sie die Regierungspolitik der letzten vier Jahre mit Blick auf Frauenrechte in Deutschland und die Gleichberechtigung der Geschlechter?
Opladen: Positiv bewerte ich, dass der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung veröffentlicht wurde. Andererseits hat die Koalition es versäumt, die Lebensleistung von Frauen, die zugunsten der Erziehung ihrer Kinder auf einen Beruf verzichtet haben, anzuerkennen und zu würdigen.
Frage: Was meinen Sie damit?
Opladen: Mütter, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, erhalten immer noch keine Anrechnung ihrer Erziehungszeit auf die Rente. Die Folge ist, dass den 50- bis 75-jährigen Frauen 60 Prozent weniger Alterseinkommen zur Verfügung steht als Männern. Die kfd hatte zusammen mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund über 200.000 Unterschriften gesammelt und die Anrechnung von drei Entgeltpunkten pro Kind gefordert. Das ist leider nur als Wahlversprechen der CDU in die nächste Legislaturperiode verschoben worden.
Frage: Im Fokus stand dagegen die Frage nach der Frauenquote in Aufsichtsräten. Wie ist die Haltung der kfd dazu?
Opladen: Wir fordern eine Quote für Führungspositionen in Unternehmen und zwar mit Maßgaben für die Personalentwicklung. Zunächst muss dafür gesorgt werden, dass junge Frauen eingestellt und in den Unternehmen so gefördert werden, dass sie später für Führungspositionen qualifiziert sind. Das ist entscheidend, um das Argument "Es gibt ja keine Frauen für den Aufsichtsrat" zu entkräften.
Frage: Was würden Sie einem Personaler antworten, der damit argumentiert, dass junge Frauen ohnehin irgendwann in Elternzeit gehen?
Opladen: Wäre ich selbst Personalentwicklerin würde ich Elternzeiten nur positiv sehen. Zum einen erfüllen Eltern für die Gesellschaft eine entscheidende Aufgabe, indem sie Kinder bekommen und erziehen. Zum anderen machen Frauen und Männer in der Elternzeit wichtige Erfahrungen, die auch ihrer beruflichen Arbeit zu Gute kommen.
Frage: Frauen verdienen laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt immer noch 22 Prozent weniger, als ihre männlichen Kollegen. Was kann die Politik dagegen tun?
Opladen: Wir fordern eine gesetzlich vorgeschriebene Lohntransparenz, um Entgeltgleichheit für Männer und Frauen durchzusetzen. Dazu gehört auch, dass typische Frauenberufe - etwa im Gesundheitsbereich - grundsätzlich neu bewertet werden. Die Leistung, die in diesen Berufen erbracht wird, muss besser anerkannt werden. Minijobs, in denen ja überwiegend Frauen arbeiten, müssen zugunsten dauerhafter, sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse abgeschafft werden. Denn sie bieten weder einen Einstieg in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen noch Aufstiegschancen. Und natürlich auch keine adäquate Absicherung in der Rente.
Frage: Oft hört man ja von Arbeitgebern: Wer schlechter bezahlt wird, hat schlechter verhandelt.
Opladen: Ich denke, da ist etwas dran. Frauen haben nicht gelernt, sich und ihre Stärken darzustellen. Das unterscheidet sie von Männern, die sich selbst dann noch gut präsentieren, wenn sie gar nicht so sicher sind, ob ihre Arbeit gut ist.
Frage: Arbeitnehmerinnen müssen ihre Vorstellungen oft gegenüber männlichen Vorgesetzten durchsetzen. Wäre es anderes, wenn sie Gehaltsverhandlungen mit Frauen führen könnten?
Opladen: Ich glaube, dass Personalerinnen die Gespräche anders führen. Ich habe erlebt, dass eine Frau in einem Gremium ausreicht, um das Gesprächsklima zu verändern. Und deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass Frauen in die Führungsetagen gehören. Übrigens sollten sich Frauen in ihrer Freizeit mehr in gesellschaftliche Dinge einmischen.
Frage: Was heißt das konkret?
Opladen: Sie sollen dort hingehen, wo Entscheidungen getroffen werden und Verantwortung übernehmen. Und nicht so zurückhaltend sein, wie etwa bei Elternversammlungen in der Schule. Da wählen die Frauen oft den einzigen anwesenden Vater zum Elternsprecher. Ich habe selbst drei Kinder und inzwischen mehrere Enkel und das ist immer noch so.
Frage: Wenn Sie am 22. September drei Forderungen auf Ihren Wahlzettel schreiben dürften - wie würden diese lauten?
Opladen: Erstens: Die sofortige Anerkennung von drei Rentenpunkten pro Kind für alle Mütter, sowie eine deutliche Aufwertung der Rentenanwartschaften für die Pflege von Angehörigen. Zweitens: Ein breites Angebot wohnortnaher und bezahlbarer Kinderbetreuung, allerdings mit kleinen Gruppen und hohen Qualitätsstandards, sowie verlässliche und qualifizierte Betreuungsangebote in allen Schulformen. Und drittens: Eine gesetzlich vorgeschriebene Lohntransparenz zur Durchsetzung der Entgeltgleichheit von Frauen und Männern. Für diese Forderungen werden wir kämpfen.
Das Interview führte Janina Mogendorf
Abk. kfd; nach eigenen Angaben mit über 620.000 Mitgliedern in rund 5.700 pfarrlichen Gruppen der größte Frauenverband und der größte kath. Verband Deutschlands. Die kfd will u. a. "das Selbstbewusstsein von Frauen und weibliche Solidarität fördern", "Mitverantwortung für die Heils- und Seelsorge der Kirche übernehmen" und "die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Entscheidungen in Gesellschaft, Kirche, Politik und Wirtschaft durchsetzen". Gegründet wurde die kfd 1928 als "Zentralverband der katholischen Müttervereine". 1939 verboten die Nationalsozialisten den Verband. 1951 erfolgte die Wiedergründung unter dem Namen "Zentralverband der katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften". 1968 verabschiedete der Verband, dessen Zentrale ihren Sitz in Düsseldorf hat, eine neue Satzung und gab sich den Namen "Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands".
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